08.02.2018 
Weiß, westlich, alt

Das neue Kabinett im Diversity-Check

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4. Teil: Migrationshintergrund bleibt im Hintergrund

Mehr als jeder Fünfte in Deutschland hat laut amtlicher Statistik einen Migrationshintergrund, also mindestens ein Elternteil, das mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde (die Zählung stammt von 2015 vor den großen Flüchtlingszahlen). Auf Merkels Kabinettsliste erfüllt dieses Kriterium nur Katarina Barley als in Köln geborene Tochter eines britischen Journalisten (6,25 Prozent).

Für den Zusammenhalt der Gesellschaft und die große Aufgabe der Integration von Migranten käme es wohl eher auf Vertreter der großen türkisch-, polnisch-, russisch- oder arabischstämmigen Minderheiten an. In dieser Hinsicht: völlige Fehlanzeige. Das Kabinett 2018 wirkt, als gelte die alte völkische Definition der deutschen Nation fort - im Widerspruch zur vielfältigen gesellschaftlichen Realität. Um für die DFB-Elf zu kicken, sind Mesut Özil oder Jerome Boateng gefragt. Zum Regieren gehört hingegen anscheinend weiße Haut.

Allerdings scheint Deutschland hier im europäischen Trend zu liegen. Auch die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien, die sich schon länger an Staatsbürger und auch Spitzenpolitiker verschiedener Hautfarben gewöhnt haben, zählen jeweils nur noch ein dunkelhäutiges Kabinettsmitglied.

Die Ausnahme bildet (neben klassischen Einwanderungsländern wie Kanada) wiederum Schweden, wo ein assyrisch-, ein iranischstämmiger Minister und eine Ministerin mit Vater aus Gambia amtieren. Und im Europäischen Rat trifft Merkel immerhin auf zwei Kollegen mit sichtbar indischen Vorfahren, den Iren Leo Varadkar und den Portugiesen António Costa, sowie Rumäniens Präsident Klaus Johannis als Vertreter der deutschen Minderheit, deren Migrationsgeschichte allerdings schon acht Jahrhunderte zurückliegt.

In dieser Hinsicht sind die Dax-Konzerne, die schon aus Interesse ihrer globalen Geschäfte internationale Erfahrung im Vorstand suchen, deutlich weiter. Wenn es nach Praxis im Ausland geht, können die Kabinettskandidaten Peter Altmaier (vier Jahre als EU-Beamter in Brüssel), Ursula von der Leyen (dort geboren und aufgewachsen) und Martin Schulz (23 Jahre im Europaparlament) auf die EU verweisen. Katarina Barley und Andreas Scheuer besitzen wenigstens Uniabschlüsse aus Paris beziehungsweise Prag (Scheuer beschäftigte sich dafür allerdings nur mit der CSU in Bayern). Und von der Leyen lebte zudem einige Jahre im Silicon Valley.

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