06.12.2018 
Was die Körpersprache von CDU-Kandidat Friedrich Merz verrät

Maximal auf Distanz

Eine Meinungsmache von Stefan Verra
Friedrich Merz
picture alliance/dpa
Friedrich Merz

Drei aussichtsreiche Kandidaten kämpfen auf dem CDU-Parteitag in Hamburg um die Nachfolge von Parteichefin Angela Merkel. Drei Wochen sind sie durch das Land gereist und haben sich den Mitgliedern vorgestellt. Körpersprache-Experte Stefan Verra hat sie beobachtet - und dabei gesehen, was sie nicht sagen. Teil 2: Friedrich Merz.

Dieser Mann hat körpersprachlich noch einiges vor. Das sollte er zumindest. Denn der körperlich Größe unter den drei Anwärtern auf den CDU-Vorsitz macht sich bei seinen Auftritten am kleinsten. Nie habe ich Friedrich Merz in den vergangenen Wochen mit aufrechtem Kopf gesehen. Auf Höhe von Halswirbel Nr. 6 und 7 knickt sein Nacken stark nach vorn. Der Grund lässt sich aus der Ferne nicht eruieren, er ist aber auch unerheblich, denn schließlich geht es um die Wirkung nach außen. Und die zeigt, dass Merz die Welt von unten betrachtet. Dabei sollte der künftige CDU-Chef uns doch die Richtung für die Zukunft vorgeben und nicht in einer Smartphone-Haltung den Blick vor die Füße werfen.

Stefan Verra
  • Copyright: Severin Schweiger
    Severin Schweiger
    Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. Er ist Universitätsdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache Analysen auf www.stefanverra.com.

Zögernd und vorsichtig

Das zeigt sich gerade in den wichtigen Momenten - nämlich in denen, bevor er die Bühne betritt. Dort, wo die Nähe zum Publikum nicht durch Geländer, Rednerpulte und Mikrofone unterbunden wird, da gewinnen sie, die volksnahen Redner wie Papst Franziskus, Barack Obama oder Emmanuel Macron. Wenn Friedrich Merz durchs Publikum geht, tut er sich schwer, Kontakt zu den Menschen aufzunehmen. Kein Winken, ein sehr vorsichtiges Lächeln, kein Signal, das die Halle voller Delegierter mit Freude in sich aufnähme. Stattdessen ein scheuer Blick von unten, der zusammen mit seinem zögerlichen Nicken eher vermittelt, dass er das alles hier gar nicht will. Er wirkt, als vermisse er die gediegenen Vorstandssalons, die nur Ausgewählte betreten dürfen.

Beim Reden formt Merz eine Faust. Aber wie! Er legt den Daumen nicht an die geballten Zeige- und Ringfinger, wie er sich das bei den Klitscho-Brüdern abschauen könnte. Nein, er legt bei der Faust den Daumen oben auf, so wie man das bei der Schwesternklingel im Krankenbett macht. Er will uns zwar seine Argumente einhämmern, schafft aber nicht mehr als zehn bis 20 Zentimeter Hammerbewegung. Auf und ab und auf und ab - als wolle er sich die Krawatte festziehen. Und er tut das viel zu oft, als das man es auf eine bestimmte Aussage beziehen könnte.

Weit weg vom Wähler

Mir ist egal, ob Sie Friedrich Merz zu den Reichen oder zum gehobenen Mittelstand zählen. In Amerika können wir beobachten, dass auch ein Multimillionär hohe Zustimmungsraten haben kann. Im Gegensatz zu Merz aber, spricht dieser die Körpersprache seiner Wähler. Würde ein Nachbar mit der Merzschen Kopfhaltung, seinem Mininicken und der nur angedeuteten Grußgestik neben uns einziehen, wir wären nach 15 Jahren noch per Sie.


Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie:
Teil 1: Annegret Kramp-Karrenbauer
Teil 2: Friedrich Merz
Teil 3: Jens Spahn


Ein Spitzenpolitiker unterscheidet sich von einem Spitzendiplomaten eben auch dadurch, dass er nicht nur die Körpersprache der indirekten, zurückhaltenden Diplomatie beherrscht, sondern auch die der Bevölkerung. Und die ist meist direkter. Daran entscheidet sich nämlich am Ende, ob sich eine Wähler von einem Politiker persönlich angesprochen fühlt.

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Deutschland, Dozent und Autor zahlreicher Bücher. Verra ist Mitglied der Meinungsmacher von manager-magazin.de. Dennoch gibt sein Beitrag nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.

Mehr zum Thema