29.08.2017  Studie "Ziviz-Survey 2017"

Wo sich die Deutschen (noch) engagieren

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Nahezu jeder zweite Bundesbürger arbeitet ehrenamtlich in Deutschland , berichtet die Studie "Ziviz-Survey 2017" . Doch was genau machen die Menschen und wie hat sich ihre Arbeit in der Vergangenheit verändert? manager-magazin.de hat mit Holger Krimmer, einem der Autoren der Studie, darüber gesprochen.

Holger Krimmer

mm.de: Herr Krimmer, Sie sind Geschäftsführer von Ziviz im Stifterverband, einem Think Tank für die Entwicklung von Zivilgesellschaft. Mit der Bertelsmann Stiftung und gefördert unter anderem vom Bundesbildungsministerium haben Sie die Studie "Ziviz-Survey 2017" herausgebracht. Demnach engagieren sich immer mehr Menschen in Deutschland in Vereinen, Stiftungen und anderen gemeinnützigen Organisationen. Das erscheint per se ja als eine gute Nachricht, dann ist doch alles in Ordnung.

Holger Krimmer: Ja, der Studie nach engagiert sich jeder Zweite in Deutschland freiwillig. Es gibt mit über 600.000 Vereinen so viele wie nie zuvor.

mm.de: Gleichzeitig beklagen Feuerwehren und andere Blaulichtvereine einen Rückgang. Wie passt das zusammen?

Krimmer: Wir beobachten einen Strukturwandel. Zwar engagieren sich mehr Bürgerinnen und Bürger als früher für gemeinnützige Zwecke. Aber das Engagement geht heute stärker in andere Bereiche als noch vor 10 oder 20 Jahren. Wachsenden Bereichen stehen damit schrumpfende gegenüber. Zudem hat die Bereitschaft, sich für ein bestimmtes Thema zu engagieren, nicht zwangsläufig mit gesellschaftlichen Bedarfen zu tun. Klar: Dass Blaulichtvereine gebraucht werden, dürfte für jeden einsichtig sein. Doch die Änderungen im Engagement hat eher mit veränderten Lebensmodellen, Lebensvorstellungen und Lebenswerten zu tun.

mm.de: Inwiefern?

Krimmer: Bildung ist das stärkste Merkmal für bürgerschaftliches Engagement. Wer gebildet ist, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit für ein Engagement hoch. Gleichzeitig steigt mit dem Bildungsniveau die regionale Mobilität, Menschen ziehen häufiger um: im und für das Studium, für die erste Arbeitsstelle danach und auch weitere berufliche Etappen. Typische Ehrenamtskarrieren wie vor einigen Dekaden werden damit deutlich schwerer.

mm.de: Was meinen Sie mit typischer Ehrenamtskarriere?

Krimmer: Dabei handelt es sich um das Phänomen, dass Mitgliedschaften und Engagements früher häufig auch vererbt wurden. Junge Menschen wurden dann früh Mitglied in Jugendorganisationen der Verbände, Parteien und Gewerkschaften, denen schon die eigenen Eltern angehörten. Sich so entwickelnde Mitgliedschaften und Engagements haben sich nicht selten über die gesamte Biographie fortgesetzt. Das gibt es immer seltener. Mit diesem Problem haben aktuell auch Parteien zu kämpfen.

mm.de: Was bedeutet das konkret für die Vereine?

Krimmer: Auf Seiten von Verbänden und gemeinnützigen Organisationen bedeutet das: Jugendorganisationen von Feuerwehren und anderen arbeiten zwar erfolgreich. Doch sind die jungen Menschen erst mit der Schule fertig und ziehen sie für ihren ersten Studienplatz, kommt das Engagement zum Erliegen.

mm.de: Die Menschen könnten ja ihre Arbeit auch an einem anderen Ort fortsetzen, oder nicht?

Krimmer: Schon, wir stellen auch fest, dass ein Teil der ehemaligen Mitglieder und Engagierten später wieder einsteigt. Dennoch ist es für die Vereine schwierig, die Mitgliederzahl zu halten.

mm.de: Welche Gründe gibt es noch, die zum Rückgang von Engagement jüngerer Menschen in gemeinnützigen Organisationen führen können?

Krimmer: Junge Menschen nutzen die Möglichkeiten digitaler Vernetzung und Kommunikation anders als ältere Generationen. Digitale Literarität findet sich nicht in allen Generationen gleichermaßen. Das macht Verbänden, Vereinen und Parteien häufig auch zu schaffen. Wöchentliche Treffen, hierarchische und ältere Mitgliederstrukturen können junge, interessierte Menschen leicht abschrecken.

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