24.01.2017  Martin Schulz kein "Genosse der Bosse"

So wirtschaftsfern war die SPD lange nicht

Ein Kommentar von

Bundeskanzler Martin Schulz. An die Wortfolge muss man sich erst einmal gewöhnen - oder vielleicht auch nicht, denn die aktuellen Umfragen und Berliner Koalitionsspiele lassen nicht viel Raum für derartige Fantasie. Trotzdem: Wenn jemand die Chance hat, nach der Bundestagswahl im September Angela Merkel abzulösen, dann ist das am ehesten der SPD-Kandidat.

Parteichef Sigmar Gabriel begründet seinen Rückzug auch mit dem unmöglichen Spagat, gleichzeitig Merkels Stellvertreter zu sein, Regierungserfolge wie Mindestlohn oder Mietpreisbremse herauszustellen - und im Wahlkampf gegen Merkels Regierung und die Ungleichheit im Land zu opponieren.

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Nach zwei Jahrzehnten, in denen die Sozialdemokraten entweder regiert haben oder - während des schwarz-gelben Intermezzos - staatstragend mithalfen, wollen sie wieder als Alternative wahrgenommen werden. Für einen "glaubwürdigen Neuanfang zur großen Koalition" wirbt Gabriel. Den verkörpere Martin Schulz "mehr als jeder andere von uns".

Schulz hat zwar die vergangenen fünf Jahre als Präsident des Europaparlaments (dem er seit 1994 angehörte) einer supergroßen Koalition unter Einschluss der Liberalen zu verdanken. Seine Spezialität ist das Schmieden von Allianzen, er versteht sich gut mit dem Uno-Generalsekretär und nahm schon einmal (im Namen der EU) den Friedensnobelpreis entgegen - ein Mann der Elite.

Aber was Martin Schulz neben seiner Aufsteiger-Biografie und der Passion gegen Nationalismus befähigt, die SPD-Kernbotschaft wiederzubeleben, ist vor allem die fehlende Nähe zur Wirtschaft. Damit wagt die SPD tatsächlich etwas Neues.

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