21.12.2016  Hohe Belastung der Geringverdiener

So genau haben Sie den deutschen Steuerstaat noch nie gesehen

Von
DIW Berlin 2016

Der "Elephant Chart" ist die wohl meist diskutierte volkswirtschaftliche Grafik des Jahres. Der vom New Yorker Forscher Branko Milanovic entdeckte Elefant versinnbildlicht die ungleiche Entwicklung der globalisierten Einkommen: Ein wachsender Rumpf der reicher werdenden Weltbevölkerung (vor allem dank Chinas Aufstieg), rechts von dem sich die relativen Verlierer aus Amerika und Europa sammeln, bevor die ultrareiche Elite als Rüssel nach oben zeigt.

Der aktuelle Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bereichert die deutsche Gerechtigkeitsdebatte um ein weiteres Tierbild: Die zentrale Grafik sieht aus wie ein Wal in einer Wanne.

Die Wanne, das ist das deutsche Steuersystem. DIW-Steuerexperte Stefan Bach hat es mit Martin Beznoska vom Institut der deutschen Wirtschaft und Viktor Steiner von der Freien Universität Berlin mit einer Kombination mehrerer großer Datensätze so genau vermessen wie niemand zuvor.

Die Wannenform ist durchaus eine Überraschung. Die für das Funktionieren des deutschen Steuerstaats zentrale Frage - wer zahlt wie viel an Steuern - ist bisher kaum beantwortet, jedenfalls nicht quer über alle Steuerarten hinweg.

Der Mittelstandsbauch ist mit bloßem Auge kaum zu sehen

Diskutiert wird meist über die Lohnsteuer, die bei höheren Einkommen mit einem größeren Anteil zuschlägt und auf diese Weise Wohlstand von Reichen zu den Armen umverteilt - aber mit 180 Milliarden Euro nur noch ein Viertel zum jährlichen Steueraufkommen beiträgt. Der aktuell viel beachtete "Mittelstandsbauch" ist im großen Bild der DIW-Studie mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen.

Zunehmend finanziert sich der Staat hingegen über indirekte Steuern, die vom Konsum statt vom Einkommen abhängen: vor allem die Umsatz- (besser bekannt als Mehrwert-)steuer mit inzwischen 210 Milliarden Euro, aber auch Energie-, Tabak-, Alkohol- oder Lottosteuer.

Weil die Ärmeren einen höheren Anteil ihres Einkommens für Konsum ausgeben, werden sie von diesen Verbrauchsabgaben stärker belastet. Diese Steuerart wirkt also degressiv im Gegensatz zur progressiven Einkommensteuer. Das führt zu dem hohen linken Wannenrand: Die ärmsten Haushalte müssen mehr als ein Drittel ihres Bruttoverdienstes abgeben - fast ausschließlich in Form indirekter Steuern - , ähnlich viel wie die reichsten, bei denen Einkommen- und Unternehmensteuer zuschlagen.

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