29.09.2017  Postenschacher nach der Wahl

So muss Berlin von den Profis lernen, in Wirtschaft und Sport

Eine Satire von
Top-Sportler, Top-Gehälter: Wann zieht die Politik endlich mit Sport und Wirtschaft gleich? (Im Bild: Die PSG-Profis Mbappe, Neymar und Cavani (v. l.) beim Sägen an Ancelottis Trainerstuhl)
AFP
Top-Sportler, Top-Gehälter: Wann zieht die Politik endlich mit Sport und Wirtschaft gleich? (Im Bild: Die PSG-Profis Mbappe, Neymar und Cavani (v. l.) beim Sägen an Ancelottis Trainerstuhl)

Man wagt das Thema ja kaum anzusprechen. Postenschacher? Um Gottes Willen. Er könne nur raten, die Debatte um mögliche Ämter nicht schon zu Beginn zu führen, sagt Grünen-Chef Cem Özdemir, stellvertretend für die bundesdeutsche Parteiprominenz. Wer sich jetzt bewerbe, "wird es garantiert nicht". Was man halt so sagt, um zu bestätigen, dass das Jobgezerre in Wahrheit schon im vollem Gange ist.

Das Problem: Es müssen in einer Dreierkoalition so viele versorgt werden, da kommt man mit den herkömmlichen Ministerien gar nicht mehr aus. Die SPD hat hier schon Historisches vollbracht, als sie Sigmar Gabriel weiland zum "Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs" machte. Nur etwas sperrig, der Titel. Aber darauf gilt es aufzubauen. Neue Posten braucht das Land, die den Anforderungen an die globalisierte Anglizismen-Gesellschaft vollumfänglich genügen. Die Unternehmen haben das längst erkannt, vom Profisport können sich die Politiker ebenfalls einiges abschauen, etwa, was die Gestaltung der Arbeitsverträge angeht.

Hier ein kurzer Überblick über die Personallage:

Der Chief Executive Officer, klar, ist vergeben. CEO Angela Merkel muss einen Merger of Unequals managen. Das dazugehörige Memorandum of Understanding wird so komplex, da können selbst die Megadeals Bayer-Monsanto oder Linde-Praxair nicht mithalten.

COO, mithin Chief Operating Officer: Das erledigt Peter Altmaier, der bis dato für seine Chefin schon so einiges aus dem Weg geräumt hat. Der Job des Chief Financial Officer ist begehrt wie sonst nur eine Dienstreise des Verkehrsausschusses ins E-Mobilitätsparadies Kalifornien. Man kann auf eine gut gefüllte Kasse zurückgreifen, so etwas gibt es im weiten Dax-Rund selten. Ohne Christian Lindner wird der Posten nicht vergeben, den die Lobpreiser vom "Focus" schon zum "mächtigsten Mann Deutschlands" ausgerufen haben.

Nachdem sich Alexander Dobrindt auf die Stelle des CSU-Landesgruppenchefs weggestohlen hat, will den Chief Technology Officer offenbar keiner machen. Jedenfalls solange der BER nicht eröffnet worden ist. Ist also eher etwas für die übernächste Legislaturperiode (frühestens). Der Chief Digital Officer ist Chefinnensache. Merkels Fachkompetenz ("Digitalisierung erreicht uns irgendwann alle") ist unbestritten, selbst japanische Roboter sind regelmäßig beeindruckt.

Soweit die eher traditionelle Ressortaufteilung. Aber die reicht nicht, als Ausweis moderner Regierungsarbeit. Nötig sind unbedingt:

-ein Chief Design Officer: Der achtet auf das Outfit. Wäre Lindner sozusagen auf den Leib geschneidert, aber der hat andere Pläne.

-ein Chief Selfie Officer: Man kann sich als Politiker heutzutage vor dem Selbstschuss nicht drücken, dabei allerdings alt aussehen. Muss deshalb dringend professionalisiert und mit einem eigenen Ressort gewürdigt werden.

-ein Chief Talkshow Officer: Die Öffentlich-Rechtlichen wegen der Medienpräsenz der AfD zu maßregeln, das langt nicht. Eine Gegenstrategie muss her. Gegebenenfalls sind großflächige Schulungen angeraten. Die Entrüstungs-Worthülse "völlig inakzeptabel" soll auf das absolut notwenige Maß beschränkt bleiben (Puh, das wird schwer...). Über Gastauftritte in Fernsehserien wäre nachzudenken, je nach Alter und Neigung: im "Tatort" oder bei "Game of Thrones".

-ein Chief Social Media Officer: Der Facebook-Erfolg der AfD, die einen Marktanteil bei Partei-Likes von 30 Prozent ausweist (CDU: 13), muss unter fachmännischer Leitung gekontert werden.

-ein Chief Political Correctness Officer: Auch dieses Ressort hilft im Kampf gegen die AfD. Wie schnell man als Vertreter einer etablierten Partei in PC-Grenzbereiche geraten kann, zeigt die Motzki-Attacke von Martin Schulz in der Elefantenrunde und der "Eins-in-die-Fresse"-Scherz von Andrea Nahles, dessen Humorgehalt sich vielen nicht erschlossen hat.

-ein Chief Demission Officer: Wichtig für die politische Hygiene. Jemand muss die Rücktritte managen, für ein kompetentes Outplacement sorgen. Wenn es knarzt und ruckelt in der Koalition, rote, grüne, gelbe und sonstige Linien überschritten werden, man kennt das. Ein parlamentarischer Staatssekretär könnte sich um die Spezialfälle Rücktritt vom Rücktritt kümmern, falls es sich jemand doch wieder anders überlegt.

Ebenfalls noch zu vergeben: der Head of Hidden Agenda. Für dieses Amt hat sich die CDU-Nachwuchshoffnung Jens Spahn mit konstant guten Leistungen empfohlen. Ach ja, die CSU will noch einen Verteidiger (Chief Defender) durchdrücken, der die rechte Flanke schließen soll. Die Anforderungen sind hoch, das Jobprofil orientiert sich an Philipp Lahm.

Prima Posten sind das eine, sie müssen allerdings auch gut bezahlt werden. Es wird Zeit, dass sich das Polit-Gehaltsniveau dem der Wirtschaft oder des Profisports annähert, sonst werden noch die besten Leute abgeworben. Die Plattform "Plenar Leaks" hat kürzlich Vertragsdetails eines anonymen Politikers enthüllt. Grundgehalt pro Legislaturperiode: 10 Millionen Euro. Plus 2,2 Millionen Boni bei Teilnahme an mindestens 60 Prozent der Bundestags- und Fraktionssitzungen. Plus 1,1 Millionen Prämie für den Champions-League-Titel als erfolgreichste Ökonomie Europas. Signing Bonus, Ausstiegsklausel und so weiter und so weiter.

Ja, es geht in die richtige Richtung.

Mehr zum Thema