24.06.2017 
IG-BCE-Chef kritisiert Fusion mit Praxair scharf

"Industrielle Logik für Linde nicht überzeugend"

Von
Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Gewerkschaft IG Bergbau
DPA
Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Gewerkschaft IG Bergbau

Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis, hat den geplanten Zusammenschluss zwischen dem Münchener Gase-Konzern Linde und dem US-Wettbewerber Praxair scharf kritisiert. "Ein deutsches Traditionsunternehmen wird amerikanisiert", sagte der Arbeiterführer im Interview mit manager magazin (Erscheinungstermin: 23. Juni). "Die industrielle Logik und der Nutzen für Linde sind nicht überzeugend."

Vassiliadis stört an der Fusion nicht nur, dass der Holdingsitz des Gemeinschaftsunternehmens nach Irland verlegt werde und die operative Führung in den USA liege. Auch das Werteverhältnis sei "nicht akzeptabel". Das Management, so Vassiliadis gegenüber dem manager magazin, habe allein nach Renditeerwartungen gerechnet. Unternehmensgröße und Substanz hätten keine Rolle gespielt. Da Praxair kleiner, aber gewinnstärker sei, würde die Firma bei einer solchen Kalkulation natürlich besser abschneiden. Vassiliadis: "Man hätte auch anders rechnen können. Darüber wollten wir mit der Linde-Führung noch mal reden. Die Antwort lautete: Nein."

Scharfe Kritik auch an der Steuervermeidung von Großkonzernen

In der entscheidenden Aufsichtsratssitzung, in der über die Fusion abgestimmt wurde, setzten sich die Kapitalvertreter durch, weil sich ein Arbeitnehmervertreter bei der Abstimmung enthalten hatte. Für den Fall eines Patts hatte Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle angekündigt, von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch zu machen. Diese Ankündigung habe das Gesprächsklima zerstört. "Nach der frühen Ansage, sein Doppelstimmrecht zu nutzen", so der Gewerkschaftsboss, "hatten die Gewerkschaften nicht den Eindruck, dass da noch eine Gesprächsgrundlage besteht". Dennoch sei man bis zum Schluss gesprächsbereit gewesen.

Vassiliadis äußerte im mm-Gespräch auch Kritik an der Steuervermeidungspraxis von Konzernen, die Gewinne etwa nach Malta verlagern. Dieses Vorgehen würde mit dem Optimierungsgebot begründet, wonach derjenige, der legale Steuerschlupflöcher nicht nutze, unter Untreueverdacht falle. "Ich bin indes der Meinung, dass ein Unternehmen auch sagen kann: Es gibt Dinge, die machen wir eben nicht." Vassiliadis sitzt im Aufsichtsrat des Chemiekonzerns BASF, der das internationale Steuergefälle ebenfalls intensiv nutzt. Auf die Frage, was er dagegen unternehme, sagte er: "Wir haben das oft diskutiert und immer wieder prüfen lassen." Stets sei den Aufsehern erklärt worden, es sei alles "legal, in Ordnung und üblich": "Da kommt man schnell ans Ende der Debatte."

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