22.03.2018 
ZF Friedrichshafen - das Drama am Bodensee

Wie ein Weltkonzern aus der deutschen Provinz sich fast selbst zerlegte

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picture alliance / dpa

Stefan Sommer führt als Vorstandschef einen Provinzkonzern an die Weltspitze - und muss trotzdem gehen. Irre, oder? Es treten auf (und ab): ein erfolgsberauschter Manager, ein missachteter Bürgermeister, ein überforderter Aufsichtsrat. Und mit Wolf-Henning Scheider auch ein Gewinner des Chaos'.

Der folgende mm-Report basiert auf einer Geschichte, die in der Februar-Ausgabe 2018 des manager magazins erschien. Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

"Das ist unser Mann." Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand (53) will im Sommer 2016 unbedingt, dass Stefan Sommer (55) einen neuen Fünfjahresvertrag als Vorstandsvorsitzender der ZF Friedrichshafen AG bekommt. Der Aufsichtsrat des Autozulieferers hat sich morgens um halb acht zu einer Sondersitzung getroffen, es geht um die Zukunft des Chefs.

Sommer hat vier glänzende Jahre hinter sich. Doch drei Arbeitnehmervertreter sind sauer auf ihn. Es gibt Streit um die Werke in Saarbrücken und Friedrichshafen. Sommer verzögert Investitionen, es brodelt in der Belegschaft. Es drohen Gegenstimmen bei der Vertragsverlängerung. Ein Makel, den der Bürgermeister seinem CEO ersparen will. Brand, der den Eigentümer von ZF, die städtische Zeppelin-Stiftung, vertritt, hält ein flammendes Plädoyer für Sommer.

Das sichert die Einstimmigkeit. Es kehrte wieder Harmonie ein am 28. Juni 2016. So schien es jedenfalls.

Anderthalb Jahre später ist Sommer weg, trotz seines Fünfjahresvertrags. Er ging im Streit mit den Aufsichtsräten. Anführer der Revolte: Brand. Ausgerechnet.

Chefkontrolleur Giorgio Behr (69), der sich in der Auseinandersetzung auf die Seite von CEO Sommer geschlagen hatte, schied gleich mit aus. Das Vorgehen der Gesellschafter gefährde seines Erachtens "die gesunde Weiterentwicklung des Unternehmens", begründete er den Rücktritt. Zuvor hatte der Aufsichtsrat die von ihm und Sommer angeschobene Übernahme des belgischen Rivalen Wabco verweigert.

Oberbürgermeister Andreas Brand, so schien es, stand alleine da mit dem 37-Milliarden-Umsatz-Konzern. Über die Zeppelin-Stiftung, der 93,8 Prozent an dem Unternehmen mit seinen 137.000 Beschäftigten gehören, hält der Provinzpolitiker alle Macht in seiner Hand. Das ist einmalig in der deutschen Wirtschaft und kam - in der harmonischen Zeit - seiner Vorstellung von einem "funktionierenden Staatskapitalismus" schon ziemlich nahe. Tatsächlich "prallten da Welten aufeinander", sagt ein Aufsichtsrat.

Und Brand spielte das Spiel ausgefuchster, als die Behr und Sommer ihm das wohl zugetraut hätten: Längst hatte er die Nachfolgesuche für Sommer angestoßen - und mit Wolf-Henning Scheider wenige Wochen später auch gelöst.

Fakt ist: Was da in der Heimat des Schriftstellers Martin Walser ablief, war ein Bodensee-Drama der besonderen Art. Es handelt, wie viele Tragödien, vom Nichtverstehen des anderen. Und taugt nebenbei als Lehrstück dafür, wie vom Erfolg berauschte Manager ihre Karrieren gefährden können - und die Zukunft ihrer Unternehmen gleich mit.

Die Protagonisten sind:

In dem Männerbund knirschte es bereits, als Sommer, Behr und Brand für die Übernahme des US-Zulieferers TRW gefeiert wurden, durch die ZF in die Liga der ganz Großen aufgestiegen war, auf Augenhöhe mit Bosch, Contin oder Magna (siehe Grafik).

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Doch Behr wollte mehr. An einem Freitag Anfang Januar 2015 überreichte er dem Oberbürgermeister das Konzept eines gänzlich neu modellierten ZF-Konzerns, geschrieben in Form eines Zeitungsartikels und versehen mit einem Abschnitt "So schaffte OB Brand das Wunder am Bodensee".

Was Brand da zu lesen bekam, war eine Eloge auf sich selbst. ZF war an der Börse notiert, praktisch schuldenfrei, zu einem globalen Vorbild geworden. Die Stadt Friedrichshafen hatte die Stimmrechte der Zeppelin-Stiftung an eine Tochtergesellschaft ausgegliedert und sich so teilentmachtet. Die ihr aus dem Börsengang zugeflossene Milliarde hatte die Stiftung in ein Aktienportfolio internationaler Topkonzerne investiert; sie war so unabhängiger geworden vom Erfolg einer einzelnen Firma.

Und der Bürgermeister? Wurde weltweit bewundert für seine Weitsicht und 2017 "glanzvoll" wiedergewählt.

Behrs Ausblick blieb Fantasie und plumpe Schmeichelei. Brand mochte nicht mitträumen. ZF ist nach wie vor zu 100 Prozent ein Stiftungskonzern. Bei der Wahl zum Oberbürgermeister erhielt Brand im März 2017 auch ohne ein Wunder vom Bodensee 79,9 Prozent der Stimmen.

Was sich geändert hat: Der Politiker traut dem Aufsichtsratschef seither nicht mehr so recht. Bestätigt wurde der Argwohn, als Sommer und Behr dem Bürgermeister im Frühjahr 2017 eine weitere große Übernahme antrugen: Wabco.

Ein belgischer Zulieferer, 2,7 Milliarden Euro Umsatz, hochprofitabel und spezialisiert auf Bremssysteme für Nutzfahrzeuge. Sommer wollte ZF fit machen für die neue Autowelt. Mit TRW hatte er sich die fehlende Technologie für autonom gesteuerte Pkw zugekauft; von Wabco erhoffte er sich das nötige Know-how für den computergesteuerten Truck. Sommer kannte die Belgier, ZF kooperiert mit ihnen bei Projekten. Schon 2015 war ein Erwerb diskutiert, aber als nicht finanzierbar verworfen worden.

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