16.02.2018  Warum die TU München so besonders ist

König Wolfgang I.

Von
imago/Astrid Schmidhuber

Seit 22 Jahren ist Wolfgang Herrmann höchst erfolgreicher Präsident der TU München. Er ist der lebende Beweis, dass es Exzellenz im deutschen Hochschulwesen nur gibt, wenn man es maximal düpiert.

Die folgende Geschichte stammt aus der März-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Den uniformierten Jüngling mit Mittelscheitel auf dem überlebensgroßen Bild am Ende des Flurs kennt jeder Bayer: Es ist König Ludwig II. Auf dem Türschild neben dem "Kini" steht in Großbuchstaben "PRÄSIDENT". Ludwig II. hat die "Königlich-Bayerische Polytechnische Schule zu München", in deren Verwaltungstrakt heute sein Konterfei hängt, nie geleitet, er hat sie nur 1868 gegründet.

Der Mann, der in dem Bürosaal hinter dem Gemälde residiert und wirklich der Chef ist, wird indes von einem ähnlichen Gestaltungswillen angetrieben wie einst der König selbst: Deutschlands dienstältester Hochschulpräsident, Wolfgang Herrmann. Seit nunmehr 23 Jahren führt der Chemiker die Technische Universität München (TUM). Die Hochschule, die in diesem Jahr ihr 150. Jubiläum begeht, schneidet nicht nur seit Jahren stets als beste Techuni der Republik ab, sie gilt auch als einzige deutsche Bildungsstätte, die es weltweit mit Topanbietern wie Stanford oder dem berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) aufnehmen kann.

Der 69-jährige Herrmann hat das Konzept der "unternehmerischen Universität" entwickelt, das Professoren zwar nach akademischer Exzellenz beruft, sie dann aber nach Leistung honoriert - und das den steten Austausch mit der Industrie sucht. Diese Reform hat er nicht nur entwickelt, er hat sie durchgeboxt - gegen den jahrelangen Widerstand von Gremien und Politik.

Dabei war er nie zimperlich. Der TUM-Präsident hat Gesetze bis an den Rand des Erlaubten interpretiert, zu seinen Gunsten neu formulieren lassen und sich bei Bedarf über Regeln auch einfach mal hinweggesetzt. Er hat taktiert, Rivalen ausgebremst und seine Beziehungen spielen lassen, wo immer er es brauchte.

Herrmann ist der lebende Beweis dafür, dass es Exzellenz im Hochschulwesen hierzulande nur gibt, wenn man das System maximal düpiert. "A Hund is a scho!", geben selbst jene zu Protokoll, die ihn verehren.

Herrmann, Kind einer Lehrerfamilie aus Kelheim an der Donau, spricht bis heute Bayerisch. Beim urwüchsigen "Gäubodenfest" in Straubing hielt er die Eröffnungsrede in breitem Dialekt, seine Laudatio auf eine geistesverwandte Kabarettistin war ebenfalls nur Bayern verständlich. Vor Besuchern inszeniert sich der Spitzenakademiker gern als eine dieser schnauzbärtigen Figuren des Heimatdichters Ludwig Thoma: mit geblümter Samtweste unterm grauen Businessanzug oder gleich im Lodenjanker mit Hirschhornknöpfen.

Das Chemiestudium hat Herrmann beim Nobelpreisträger Ernst Otto Fischer abgeschlossen; nach einem Forschungsaufenthalt an der Pennsylvania State University bekam er in Regensburg schon mit 31 Jahren seine erste Professur. Acht Jahre später wurde ihm der Leibniz-Preis zugesprochen, Deutschlands höchstdotierte akademische Auszeichnung, danach folgte der Max-Planck-Forschungspreis. Insgesamt kann der anorganische Chemiker auf über 800 Fachpublikationen verweisen, er ist beteiligt an rund 80 Patenten.

Als Herrmann 1995 zum Präsidenten gewählt wurde, war die TU München eine kleine, auf die Ingenieurwissenschaften spezialisierte Hochschule, die im entlegenen Weihenstephan auch noch Landwirte und Bierbrauer ausbildete. Der Forschungsreaktor galt als Schandfleck, gegen das "Atom-Ei" auf dem TUM-Campus in Garching marschierte sogar Münchens Oberbürgermeister Christian Ude mit. Die hochmütigen Weißkittelprofessoren des Uniklinikums distanzierten sich vom restlichen Lehrkörper so weit es ging. Die TUM stand tief im Schatten ihres Nachbarn, der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), wo Nobelpreisträger wie Wilhelm Conrad Röntgen, Adolf Butenandt oder Theodor Haensch gewirkt hatten.

Als Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber 1997 telefonisch den Entwurf einer Hochschulreform für den Freistaat einforderte ("dass es kracht"), sah Herrmann seine Chance gekommen. Er entwickelte für Stoiber ein Konzept, das es bis dahin weder in Zürich, Lausanne, Paris oder an einer der Ivy-League-Universitäten gab.

Unerfahren, wie er war, band er Wissenschaftsminister Hans Zehetmair in die Planungsarbeit nicht ein. Das rächte sich: Von Herrmanns Vorhaben blieb im ersten Schritt nur eine "Experimentierklausel" im bayerischen Hochschulgesetz übrig, die anfangs einzig die TUM für sich nutzte: Seit 1999 wird dort das Präsidium nicht mehr allein von einem Gremium aus Professoren, Angestellten und Studierenden kontrolliert, sondern auch von externen Fachleuten.

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