19.06.2018  Billigflieger Wizz Air

Pink Panther

Von
REUTERS

Flugzeuge in Lila und Pink, Ziele in den Tiefen des Ostens - der Ungar József Váradi und sein Billigflieger Wizz wurden als Exoten begafft. Heute staunen Konkurrenten wie Easyjet, Ryanair oder Norwegian. Und die Großen wie Lufthansa und Air France-KLM machen ihm Avancen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Mai-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende April erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Am Anfang stand der Fluch des Fliegens. József Váradi (52) schaut leidend, wenn er von seinen frühen Geschäftsreisen erzählt. In den 90er Jahren hatte der Ungar nach dem BWL-Studium schnell Karriere beim US-Konzern Procter & Gamble (Pampers, Ariel, Wick) gemacht. Von Budapest und von Rotterdam aus betreute er diverse Großkunden in West- und Osteuropa. Das hieß: viel fliegen.

Aber wie? Im Osten herrschten klapprige Staatslinien - das Netz dünn, das Flugerlebnis rustikal bis furchteinflößend, in uralten Tupolews. Im Westen glänzten die Airlines mit schlechtem Service bei horrenden Preisen. Zweimal im Jahr lauerte der Jungmanager auf die seltenen Sonderangebote bei KLM, damit auch mal die ganze Familie nach Holland kommen konnte. "Sonst war das viel zu teuer, selbst für einen mit meinem Gehalt."

Váradi ist eine halbe Stunde zu spät zum Interview gekommen, er entschuldigt sich sofort. Die KLM, mit der er angereist ist, hat ihn hängen lassen. Der alte Fluch wirkt offenbar nach.

Schon damals dachte er oft, dass Fliegen besser und billiger gehen müsse. Er hat Taten folgen lassen. Seine Wizz Air, 2003 gegründet, packt die Passagiere zwar in enge Reihen, und jedes Extra kostet extra. Dafür ist das Buchen einfach, es gibt viele neue Direktflüge und richtig günstige Tickets.

Anfänglich hielt die Branche Váradis Schöpfung für ein rein östliches Phänomen. Eine Simpellinie für den ehemaligen Ostblock und für Gastarbeiter, die in den Westen wollen. Und tatsächlich stand der Gründer selbst mit an der Victoria Station in London und verteilte Werbezettel, um Polen zum Umstieg vom Fernbus aufs Flugzeug zu bewegen. Auch die grelle Lackierung der Maschinen in Pink und Lila unterstrich den Eindruck des Billigen.

Das stechende Violett ist unlängst einem seriösen Kobaltblau gewichen. Das wilde Start-up ist gereift. Und tief im Westen angekommen. Experten halten Wizz Air inzwischen für den wohl heißesten Aufsteiger am europäischen Himmel. Keiner expandiert eiliger. Keiner verfügt über so viel internationales Know-how. Keiner weckt so viel Fantasie. Ende Mai wird das 100. Flugzeug zur Flotte stoßen. Doch damit gibt sich der Chef noch lange nicht zufrieden. Kolonnen neuer Maschinen sind bestellt, er nimmt immer mehr Flüge innerhalb Westeuropas ins Programm.

Váradi könnte zu den Low-Cost-Champions Ryanair und EasyJet aufschließen. Oder gleich mit Größen wie der Lufthansa oder Air France-KLM zusammengehen. "Wizz Air", schwärmt ein Lufthansa-Manager, "wäre für jeden eine reizvolle Ergänzung."

Ein donnerndes Kompliment für ein vergleichsweise schlichtes Konzept: "Ultra-Low-Cost", wie der CEO es nennt. Sein ganzer Ehrgeiz gilt dem minimalen Aufwand. "Fliegen wird immer mehr zur Allerweltsware", argumentiert er, "wer da die niedrigsten Kosten hat, gewinnt." Nur Ryanair arbeitet so günstig wie Wizz, die Kosten pro Sitz und Flugkilometer liegen bei einem Drittel des Lufthansa-Niveaus.

Dabei soll es unbedingt bleiben. Viele Billigflieger rücken mittlerweile von der reinen Lehre ab. Váradi hingegen rang noch bis zum vergangenen Jahr um eine Zusatzgebühr für Bordkoffer. Den Kampf hat er allerdings verloren. "Der Markt" - hilflos hebt er die Hände - "hat anders entschieden."

Billigchampion Wizz: Kosten pro Sitz und Flugkilometer in Cent
Billigchampion Wizz: Kosten pro Sitz und Flugkilometer in Cent

Doch genau diese Sturheit entzückt die Fachwelt. "Die strategische Konsequenz ist die große Stärke von Wizz Air", lobt Philipp Goedeking, Chef des Airlineberaters Avinomics.

Strengstes Haushalten gilt auch fürs Mätzchenmachen. "Ich werde niemals Unsinn erzählen", schwört der Ungar mit einem Seitenhieb auf Ryanair, "nur um Aufmerksamkeit zu erregen."

Váradi ist mittelgroß und sportlich, er wirkt jünger als Anfang 50 und ein bisschen wie ein Nerd - in sich gekehrt und extrem konzentriert. "Joe", wie viele ihn nennen, ist keiner, der mit seinen Kräften prahlt. Er zeigt sie lieber, wenn es so weit ist.

Das galt für ihn schon als Teenager. Er kämpfte Karate im ungarischen Jugend-Nationalteam. Als mutiger Manager fiel er erstmals 2001 auf. Einem Headhunter war es geglückt, Váradi für einen unmöglichen Job zu begeistern: Verkaufschef der maroden ungarischen Staatsairline Malév.

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