26.05.2017  Bankchef Jean Pierre Mustier über die Krise bei Unicredit

"Machen Sie sich keine Sorgen"

Das Interview führten Tim Bartz und
Nicoló Lanfranchi für manager magazin

CEO Jean Pierre Mustier über die Krise der italienischen Großbank, deren deutsche Tochter HVB - und die Symbolkraft haariger Maskottchen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 6/2017 des manager magazins, die Ende Mai erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Von seinem Arbeitszimmer im 28. Stock des Unicredit-Towers in Mailand aus hat Konzernchef Jean Pierre Mustier (56) einen fantastischen Blick auf die lombardische Hauptstadt, die Po-Ebene, die schneebedeckten Alpen.

Doch es ist nicht das Panorama, das den Franzosen erfreut, als er manager magazin zum Gespräch empfängt: Tags zuvor haben seine französischen Landsleute Emmanuel Macron (39) zu ihrem neuen Präsidenten gewählt und damit dem Krisenkontinent Europa eine Atempause verschafft.

"Sehr emotional", so Mustier, sei der Wahlabend für ihn gewesen - "als Franzose und Europäer". Und als CEO, denn keine Bank habe europaweit eine solche Präsenz wie Unicredit: "Wir müssen sicherstellen, dass Europa nicht scheitert."

Das lässt sich auch über Unicredit sagen - wegen der Last der faulen Kredite Europas gefährlichste Bank. Ihre Rettung ist Mustiers Auftrag.

manager magazin: Herr Mustier, als Unicredits Investmentbankchef sagten Sie einmal: "Der CEO-Posten ist großartig, wenn es gut läuft, aber ein Albtraum, falls nicht. Das ist kein Job, den ich genießen könnte." Ende 2014 verließen Sie das Haus, Mitte 2016 kehrten Sie zurück - als CEO, in der schlimmsten Krise der Bank. Sind Sie Masochist?

Jean Pierre Mustier: Als ich die Bank verlassen habe, war ich nicht überzeugt von der Strategie des damaligen Managements und der Kapitalausstattung des Konzerns. Und wenn das so ist, dann muss man mit den Füßen abstimmen und gehen. Der Abschied fiel mir unglaublich schwer.

mm: Danach wurde die Situation noch schlimmer, und trotzdem haben Sie den CEO-Posten übernommen. Also doch Masochist?

Mustier: Übertreiben Sie nicht. Als ich gefragt wurde, ob ich CEO werden möchte, war das für mich wie die Rückkehr in meine Familie. Sie wissen doch, hier in Italien geht es in allem etwas emotionaler zu.

mm: So gefühlig kennen wir Sie gar nicht. Sie gelten als harter Knochen. Gelinde gesagt.

Mustier: Aber so war es. Außerdem hat mich die Ausbildung als Soldat und Fallschirmspringer geprägt. Wer da eine Herausforderung angetragen bekommt, erfüllt sie. Wenn nicht, fühlt es sich schlecht an. Als ob man seinen eigenen Standards nicht genügt.

mm: Sie haben in Windeseile die Fondstochter Pioneer an Amundi verkauft, das Polen-Geschäft losgeschlagen, 13 Milliarden Euro Kapital eingeworben. Das schaffen Konkurrenten in fünf Jahren nicht. Sie wirken gehetzt.

Mustier: Schauen Sie: Die Kapitalmärkte bewegen sich enorm schnell. Wir können als Unternehmen nicht ewig warten, bis wir eine Strategie umsetzen. Das verstehen die Anleger immer weniger. Also muss es schnell gehen. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen mit unserer Strategie "Transform 2019". Bis Ende 2019 wollen wir 9 Prozent Kapitalrendite erwirtschaften. Umbau und Optimierung der Prozesse dauern sicherlich noch 20 Jahre.

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