12.06.2018  SAP

Über den Wolken - wie SAP seinen Wert hochtreiben will

Von Eva Müller

Vorstandschef Bill McDermott will den Wert von Deutschlands teuerstem Konzern verdreifachen. Nimmt er den Mund zu voll?

Die folgende Geschichte stammt aus der April-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende März erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ja, wo laufen sie denn? Auf die ikonische Frage aus dem Loriot-Trickfilm von 1972 kann heute jeder Reitsportfan sofort kompetent antworten. Einfach das Smartphone zücken und eine App zeigt in Echtzeit, wo die Pferde gerade durchs Gelände galoppieren. Sie weiß zudem, wie viele Zehntelsekunden jedes Ross von der Bestzeit abweicht, kann ein Video aus Sicht der Helmkamera des Reiters abspielen oder die Leistung bewerten. Entwickelt hat die App Stephan Daub. Als er den Siegesritt von Vielseitigkeits-Olympionikin Ingrid Klimke bei der Europameisterschaft 2017 im Netz übertrug, knackte er die Millionen-Klicks-Schwelle.

Trotz seiner Liebe zu Huftieren strebt Daub allerdings keine Karriere als Einhornzüchter an, er ist kein Gründer, der sein Start-up in Milliardendimensionen katapultieren will. Die App programmierte er als Experte für Equestrian Analytics bei SAP . Eine Idee von vielen, die den Kurs seines Arbeitgebers hochtreiben soll.

Mit einem "ganzen Arsenal an Innovationen" möchte CEO Bill McDermott (56) den Softwarekonzern aus Walldorf zu einer der wertvollsten Techmarken der Welt machen. SAP ist schon heute die teuerste Firma im Dax , mit einer aggressiven Digitalstrategie will McDermott den Börsenwert bis allerspätestens 2026 auf 300 Milliarden Euro Stoxx 50 hochjagen. "Ziel ist, den Wert zu verdreifachen", hat er verkündet.

Ein kühnes Vorhaben angesichts der Unberechenbarkeit der Börse - und absolut unüblich. Konzernchefs setzen sich gewöhnlich Umsatz- und Gewinnziele, die lassen sich viel direkter beeinflussen. "Ich hätte das nie so wie McDermott gemacht", sagt der langjährige CEO eines Dax -Unternehmens. Tatsächlich haben nur wenige Analysten nach Bills Ansage mit einer Hochstufung des Kurses reagiert.

Das Verkaufstalent McDermott lässt sich von den Skeptikern nicht die Schau stehlen: "Wir haben immer geschafft, was wir uns vorgenommen haben." Und natürlich ist der Börsenkurs für ihn das Maß aller Dinge. Daran hängt schließlich seine Vergütung, mit 13,2 Millionen Euro führte er 2017 erneut die Dax-Gehaltstabelle an.

Zwei große Wachstumstreiber hat der Amerikaner ausgemacht:

Die Botschaft ist klar. Das einzige europäische Softwareunternehmen von Weltrang soll in Größen hineinwachsen, die man bislang nur aus den USA und China kennt. Doch ist das realistisch? Hat SAP wirklich das Potenzial für einen solchen Sprung?

Die Walldorfer sollen vom Buchhalter der Konzerne zum Schöpfer der "intelligenten Unternehmen" werden, erklärt Hasso Plattner (74). Der Mitgründer und Aufsichtsratschef treibt seine Firma auch nach 46 Jahren immer noch strategisch vor sich her. Sein Chefverkäufer McDermott hat die Aufgabe, die komplexen Ideen knackig zu vermarkten. Die beiden bilden ein kongeniales Duo.

Eine Verdreifachung des SAP-Börsenwerts ist McDermott schon einmal gelungen. Seit er 2010, damals noch gemeinsam mit dem Techniker Jim Hagemann Snabe (52), auf den Chefposten in Walldorf vorrückte, ist der Konzern zum teuersten Wert an der Frankfurter Börse aufgestiegen.

Dabei mag der Techboom geholfen haben. Aber SAP hat auch vieles richtig gemacht und seine Marktführerschaft bei betriebswirtschaftlichen Programmen ausgebaut. Ob in Finanz- oder Personalwesen, Einkaufsmanagement oder Logistiksteuerung, im ERP-Segment (Enterprise Resource Planning) stehen die Walldorfer überall auf Platz eins.

Ins Mietgeschäft mit der Cloud stieg SAP zwar erst spät ein. Dank einer rund 20 Milliarden Euro teuren Einkaufstour holte der Nachzügler aber schnell auf. Durch die Integration von Zukäufen wie Ariba und SuccessFactors auf einer gemeinsamen Plattform gelang die Transformation des eher unhandlichen SAP-Angebots in die Moderne.

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