17.09.2018 
Salzburger Festspiele

Das Disneyland der Milliardäre

Von
Getty Images/Picture Press RM

Was für Amerika der Film, ist für Europa die Oper. Wie die Salzburger Festspiele zum Hollywood der Hochkultur wurden - und zum Disneyland der Milliardäre.

Die folgende Geschichte stammt aus der Juli-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

In Österreich haben sie Skipisten, sie haben Seen, den Wiener Schmäh - und die Salzburger Festspiele. Wenn in der Stadt mitten im Sommer die Musik aufspielt, kommen sie alle: Von der Grande Dame der deutschen Industrie, Maria-Elisabeth Schaeffler, gern in roter Robe, über den Volkswagen-Patriarchen Wolfgang Porsche und Schraubenmilliardär Reinhold Würth bis zu, hört's mer auf, den Swarovskis, Austrias Glitzerclan.

Es kommen Leute mit viel Geld, aber auch solche mit viel Grips und sogar Kunstverstand. Literaturnobelpreisträger Vargas Llosa, Fashion-Ikone Vivienne Westwood oder Prinz Michael von Kent, Mitglied der Royals, marschieren bei den Festspielen regelmäßig auf. Selbst Europas Regierungschefs fehlen nicht.

Die winzige Hofstallgasse, zwischen Herbert von Karajan- und Max Reinhardt-Platz, wird in den Pausen zur kapitalsten Champagnerfreiluftbar der Welt. Die großen Bühnen, Festspielhaus, Felsenreitschule, Haus für Mozart, liegen alle nebeneinander. Nach der Aufführung trifft sich die Crowd gegenüber im "Café Uni:Versum", im "Triangel", "Café Schatzi" oder "S'Herzl", alles nur eine Nasenlänge voneinander entfernt.

Die Wege sind kurz, die Limousinen des Sponsors Audi braucht eigentlich gar keiner. Aber auch für die Sponsoren gilt: Dabei sein ist alles.

"So cozy and comfy"

Die Hotel- und Schnitzelpreise sind während der Festspielwochen am Anschlag, 1600 Euro die kleine Suite im "Goldenen Hirsch", 1285 Euro die bescheidenste auf "Schloss Mönchstein", 2160 für eine Executive-Unterkunft im "Sacher", ohne Frühstück. Preise wie in New York. It's Salzburg-Time.

Opern, Schauspiele, Konzerte, Lesungen haben allesamt Weltklasseformat, und zugleich ist alles klein und schnuckelig, "so cozy and comfy", wie die Amerikaner schwärmen. Die majestätischen Bergmassive, das saubere Flüsschen, die klare Luft, die barocken Prachtbauten, die Kuhglocken. Das Heidi-Idyll der High Society - ganz ohne Paparazzi.

Mit diesem Mix ist das herausgeputzte 150.000-Einwohner-Städtchen zur Weltmarke avanciert, zum Hollywood der Hochkultur, zum Disneyland der Milliardäre. Kein anderes Festival kann da mithalten.

Selbst Bayreuth, der Wallfahrtsort der Wagnerianer mit sehr viel längerer Tradition, reicht an Salzburg nicht heran. Die Musik dort ist monothematisch, das Publikum nicht halb so kosmopolitisch wie an der Salzach. Null Glam.

Die Festspiele hingegen sind mittlerweile ein echter Kulturkonzern: 260.000 Besucher wurden zuletzt gezählt. Die Statistiken weisen eine Wertschöpfung von 215 Millionen Euro aus, für ganz Österreich, 183 Millionen für Salzburg allein. Zum Vergleich: Das Riesenspektakel Berlinale lockt gerade mal 100.000 Touristen und bringt einen Mehrwert von 125 Millionen Euro. "Motor für die Wirtschaft, Exzellenzinfusion für den Standort", resümiert die Kammer.

Am 20. Juli geht es wieder los, bis Ende August herrscht dann Ausnahmezustand. Wobei die sechs Wochen im Sommer nur der Höhepunkt sind. So wie die Art Basel Ableger in Miami und Hongkong geschaffen hat, setzen auch die Festspiele immer noch eins drauf. Und noch eins.

Es gibt die finanziell und organisatorisch eigenständigen Osterfestspiele, die Pfingstkonzerte, aus denen die Pfingstfestspiele hervorgegangen sind, die Mozartwoche, das Festival Dialoge, das im Dezember Klassik und Moderne miteinander konfrontiert. Mit ihren Young Singers expandiert die Marke Salzburg inzwischen sogar in den Rest der Welt. 2017 traten sie in Chinas Metropolen auf.

Der ganze elitäre Rummel hat aus Salzburg ein Start-up-Cluster gemacht, mit einer Gourmetszene, die mindestens so angesagt ist wie jene in Wien. Um das Festival herum hat sich ein globales Netzwerk von Sponsoren, Mäzenen und Förderern etabliert, das zunehmend nach Asien drängt. Denn von dort kommen die neuen, jungen Reichen. Und die braucht das System Salzburg, wenn es weiter das bedeutendste Hochkulturereignis der Welt ausrichten will.

1 | 4

Mehr zum Thema