27.11.2017  Porträt des Deutsche-Bahn-Chefs

Richard Lutz - Deutsche-Bahn-Chef vor der Reifeprüfung

Von
picture alliance / Bernd von Jut

Solide und nett - Richard Lutz revolutioniert die Bahn, indem er keine Revolution mehr verspricht. Ende März zieht sich sein Förderer und Aufsichtsratschef Utz-Hellmuth Felcht zurück. Für Lutz beginnen jetzt die harten Monate.

Die folgende Geschichte ist eine leicht geänderte Version unseres Porträts aus der Ausgabe 9/2017 des manager magazins, die Ende August erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Als in Zeitschriften noch Schachkolumnen zu finden waren, in den 70er Jahren, geriet auch ein gewisser Richard Lutz in den Bann dieses uralten Spiels. Der Junge sei ein "herausragendes Talent" gewesen, erinnert sich Schachfunktionär Klaus Deventer, heute Vizepräsident Sport des Deutschen Schachbundes, "er hätte das Zeug zum Großmeister gehabt". Immerhin wurde er deutscher Vize-Jugendmeister und Pfalzmeister der Erwachsenen. Bei der Bundeswehr fand er Unterschlupf in einer Sportfördergruppe.

Lutz' Taktik? Er sei nie der stürmische Typ gewesen, sagt Weggefährte Deventer, "keiner, der alle Brücken abbricht und auf Gedeih und Verderb auf Angriff spielt". Er habe stets "ruhig auf seine Chance gewartet".

Womit auch das Muster seiner Karriere treffend beschrieben ist.

Richard Lutz brachte es bei der Bahn zum "obersten Zahlenmenschen", wie er gern sagt. Als Chef wurde er nie gehandelt. Wenn der Vorstand zu Empfängen lud, lief es für Lutz immer gleich ab: Alle scharten sich um Konzernlenker Rüdiger Grube, kaum einer um den Kassenwart. Aufsichtsräte erlebten ihn als stets gut präparierten Finanzexperten. Wobei es auch bleiben sollte.

Bis plötzlich die große Chance kam.

Ende Januar schmiss Rüdiger Grube (66) hin, enttäuscht, dass er trotz eines gewaltigen Wahlkampfs nur zwei weitere Amtsjahre bekommen sollte anstatt der geforderten drei. Lutz (53) rückte satzungsgemäß als Interimschef nach. Und wurde keine zwei Monate später als Dauerlösung ausgerufen.

Jetzt hat er gar eine Doppelrolle: CEO und CFO in einem. Damit ist er mächtiger als jeder seiner Vorgänger. Aber warum gerade er?

Der verhinderte Schach-Großmeister Lutz steht genau da, wo Politiker und Aufseher einen Bahn-Chef jetzt sehen wollen: fern aller Extreme. Gefragt ist weder der Furor eines Hartmut Mehdorn noch die Wolkigkeit eines Rüdiger Grube. Sie wollten einen, der vollen Einsatz bringt und dabei uneitel bleibt. Der erfahren ist und zugleich etwas Unverbrauchtes ausstrahlt. Einen Lutz.

Fern des roten Teppichs

Fleißig war er immer, mit Hang zur frühen Stunde. Sein Tagwerk beginnt oft schon morgens um sechs. Eine Schwäche für rote Teppiche, der sein Vorgänger erlag, ist dem Neuen fremd. "Richard und seine Frau mögen das einfache Leben", meint ein alter Kollege. Es ziehe ihn weder zu Events noch zur Prominenz. Sein Freundeskreis beste-he aus "ganz normalen Leuten", darunter ein Lokführer. Nur in seinem Verein, der Emanuel-Las-ker-Gesellschaft, die dem einzigen deutschen Schachweltmeister huldigt, trifft er schon mal auf große Namen wie den Ex-Champion Anatoli Karpow.

Erfahrener als Lutz, der seit gut 23 Jahren im Unternehmen ist, kann ein DB-Manager kaum sein. Frisch gehalten hat er sich trotzdem.

Der Mann ist das beste Argument für die Rente ab 70. Mit seinen 53 Jahren wirkt er so unverbraucht, als hätte er das Leben noch vor sich. Das Gesicht glatt, das Haar voll, eine leichte Krause unterstützt den jugendlichen Eindruck. Die Haltung ist tadellos, das Lächeln unbekümmert. Wenn Lutz sich für die Fotografen zu einem ICE gesellt, sieht der Bahn-Chef aus wie ein netter Schaffner auf erster Dienstfahrt.

Die Kraftreserven wird er brauchen. Denn auch wenn es zuletzt ein paar freundliche Meldungen gab - das größte deutsche Staatsunternehmen (40 Milliarden Euro Umsatz, gut 300.000 Beschäftigte) durchläuft prekäre Zeiten. Der Konzern ist bis an die Grenze des Erträglichen verschuldet, mit fast 20 Milliarden Euro. Damit erinnert er schon wieder fatal an die alte Bundesbahn.

Die wichtige Regionalbahnsparte ist zu teuer für den Wettbewerb. Die Güterbahn bietet ein Bild des Jammers. Allein im vergangenen Jahr gingen 7,6 Prozent Frachtaufkommen verloren. Dabei wollte die DB doch mal mehr Verkehr auf die Schiene bringen. Obendrein die ewigen Ärgernisse: verpasste Anschlüsse, Zugausfälle, Chaos am Bahnsteig.

Von Selbstanklagen hält der Mann an der Spitze indes gar nichts. Die Präsentationen des neuen Weichenstellers sind Lehrstunden in positivem Denken. Es regnet Eigenlob für kleine Fortschritte ("die Bahn hat weiter an Attraktivität gewonnen") und fast patzige Selbstbestätigung ("der Kurs stimmt").

Überall klingt ein "keine Panik!" durch; die sublime Versicherung, die Bahn habe schon ganz anderes gemeistert. Eine naheliegende Einstellung für jemanden mit seinem Hintergrund - er stammt aus einer Bahnerfamilie. Seine Mutter arbeitete als Sekretärin bei der Bahn, sein Vater in einem Ausbesserungswerk. Ein Onkel war Lokführer, ein Cousin ist es noch, die zwei Jahre ältere Schwester absolvierte eine Ausbildung bei der DB. Die Aufgabe des Bahn-Chefs sei für ihn daher "eine Herzensangelegenheit", versichert der Kopfmensch.

Richard Lutz wuchs im beschaulichen Landstuhl in der Pfalz auf. Analytisch hochbegabt, kam er problemlos durch die Schule und durchs Studium der Betriebswirtschaftslehre. Nach dem Diplom 1989 diente er noch für rund vier Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter, legte die Grundlagen für eine Promotion, die er später neben dem Beruf abschloss. In die Unizeit fallen auch seine Heirat und die Familiengründung. Das Paar hat drei inzwischen erwachsene Kinder.

Er hätte gewiss auch einen glanzvolleren Arbeitgeber finden können als die Bahn. Doch gerade das Unfertige dieses Reformhauses reizte ihn. Die Frage, sagt er, sei für ihn gewesen: "Gehst du zu einem gestandenen Konzern oder zu einem Unternehmen im Wandel, wo du mehr gestalten kannst?" Die DB begann 1994 als Deutsche Bahn AG noch mal von vorn. Lutz war von Tag eins an dabei.

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