10.01.2018  Deutschlands hippes Nachtleben

Die womöglich besten Bars der Republik

Von und Anja Rützel
Katja Hiendlmayer

Bars sind die Sternerestaurants der Hipsterszene. Es wird vakuumiert, infusioniert und dekonstruiert, der Barkeeper wird zum Künstler. Ein Streifzug durch die besten Läden der Republik.

Die folgende Geschichte stammt aus der Oktober-Ausgabe 2017 des manager magazins, die Ende September erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ein Laden irgendwo an einer vierspurigen Straße abseits von Berlin-Mitte, bis oben vollgestellt mit Champagnerkartons, mittendrin ein Flamingo, der weiße Lack am Schaufenster abgeblättert. Man guckt durch die Glastür, sieht Bierkisten, einen großen Kühlschrank und einen Durchgang, über dem es rot blinkt: Closed. Wer trotzdem bei "Bar" klingelt, dem wird auch geöffnet. Von einem Türsteher Typ Matrose, weiße Hose, weißes T-Shirt, Glatze, blonder Schnauzbart. Er mustert einen von oben bis unten. Das Pärchen eben wurde weggeschickt, falsche Klamotte.

"Waren Sie schon mal hier?"

"Nein."

"Macht nichts."

Man darf rein, zwei Ecken weiter tut sich eine andere Welt auf: ein fensterloser Raum, anthrazitgrau gestrichene Wände, an einer eine goldene Kettensäge, kaum Licht, ein breiter, schwarzer Tresen, der aussieht, als sei er mit Krokodilleder bezogen, darauf ein paar Glaskuppeln, unter der einen steht eine vergoldete Mondrakete wie aus dem "Tim und Struppi"-Comic "Die Reise zum Mond".

Der Barkeeper, muskulös, schwarzes Shirt, zieht mit Farbcodes gekennzeichnete Flaschen aus der Theke und mixt hochkonzentriert. Es ist so dunkel, dass man die Karte nicht lesen kann und einfach einen Negroni bestellt, weil einem Gin Tonic hier zu normal erscheint. Der Drink kommt im kleinen Likörglas auf weißer Damastserviette. Alles wahnsinnig höflich, immer ein angedeuteter Diener, "sehr gern". Erinnert an eine Messe in einer sakralen Höhle.

Das "Buck and Breck", Brunnenstraße 177, Berlin, ist die einzige deutsche Bar, die es auf die Liste der "50 Best Bars of the World" geschafft hat (Platz 50). 2010 eröffnet von Gonçalo de Sousa Monteiro, dessen alte Handynummer außer Betrieb ist und der selbst für alte Bekannte nur schwer zu erreichen ist. Es sei denn, sie kommen in seine Bar, wenn er gerade Schicht hat. So unnahbar der Gründer, so karg die Website: ein Bild, das Logo, die Adresse. Keine Nummer, keine Karte, kein Motto.

Wie anders ist da doch das "Dead Rabbit": ein gemütlicher Irish Pub, brechend voll, polierte Holztheke, der Boden mit Sägespänen ausgestreut, alte Fotos, ein paar Bürgerkriegssouvenirs, es wird Bier gezapft und Whisky ausgeschenkt. In der Etage darüber: eine Cocktail-Lounge, in der 72 historische Drinks serviert werden. Das "Dead Rabbit", 30 Water Street, ganz unten am Zipfel von Manhattan, das Wohnzimmer der Wall-Street-Trader, gilt als die beste Bar der Welt und führt seit zwei Jahren die "50 Best"-Liste an.

Von fast abweisend cool bis einladend gemütlich, von der American bis zur Dive Bar - die Szene boomt, eine Neueröffnung folgt der anderen. Und das nicht mehr nur in den traditionellen Barmetropolen New York, London oder Tokio, sondern auch in Reykjavik (das "Kaffibarinn", zwischen funky und gemütlich, voll, Mitinhaber: Blur-Sänger Damon Albarn); in Barcelona (das "Dr. Stravinsky", wo die Drinks wie in einem alten Labor nach Infusionsmethode Tropfen für Tropfen gemixt werden); in Seoul (das "Alice Cheongdam", versteckt im Hinterhof eines Blumenladens, hier kommen Cocktails wie der Hippity Hoppity im Hasenbecher); oder in Frankfurt (das "Bonechina", wo die Gäste den Drinks eigenhändig den letzten Schliff geben, etwa mit Eiswürfeln aus Sandelholz).

Bars sind die Sternerestaurants der Hipsterszene: Ob Küche oder Tresen - den Ideen und Experimenten sind keine Grenzen gesetzt; mit dem Unterschied, dass beim Drink die gesamte Gourmetkunst nicht über diverse Gänge und Beilagen verteilt werden kann, sondern in einem einzigen Glas landet.

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