29.05.2017  Endstation Bogenhausen

Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

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Martin Winterkorn ist jetzt 70 Jahre alt. Seine Getreuen haben sich abgewendet, der Staatsanwalt ermittelt, Schadensersatzklagen drohen - aus dem mächtigen VW-Chef wurde ein Geächteter hinter den Mauern seiner Münchener Villa. Eine tragische Geschichte mit mehr als einem Schuldigen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 09/2016 des manager magazins, die Ende August erschien. Im Vergleich zur gedruckten Version wurde der Text an mehreren Stellen geringfügig aktualisiert. Wir veröffentlichen ihn hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo

Martin Winterkorns Drama beginnt mit einer Frau. Es geht nicht um Liebe, wohl aber um weibliche Intuition, Emotion, Macht und ein kleines bisschen auch um Eifersucht.

Die Dame heißt Ursula Piëch und ist seit 1984 verheiratet mit Volkswagens langjährigem Großaktionär Ferdinand Piëch. Seit ihr Mann kränkelt, wacht sie mit teils irritierendem Furor über ihn.

Der Anlass ist in diesem Fall eine Immobilie. Wolfgang Porsche möchte 2009 nach der Trennung von Ehefrau Susanne seine Münchener Villa loswerden; Winterkorn will sie kaufen. Das passt Uschi Piëch nicht, und das, erzählen sie in München, habe sie ihm auch gesagt.

Winterkorn versteht die Aufregung nicht. Er hat schon eine ehemalige Piëch-Villa in Ingolstadt erworben, das empfand auch keiner als anmaßend. Und das Porsche-Anwesen in Bogenhausen ist kein Geschenk. Auf einen Preis in niedriger zweistelliger Millionenhöhe einigt man sich.

Doch Ursula Piëch stört an dem Deal nach Einschätzung enger Wegbegleiter etwas ganz anderes: Wolfgang Porsche gilt ihr als Gegner ihres Mannes, Winterkorn, der damals wohl engste Vertraute von Ferdinand Piëch, hat mit dem feindlichen Cousin keine Geschäfte zu machen

Winterkorn kauft trotzdem. Und schafft sich damit eine gefährliche Gegnerin.

30 Jahre sind Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn gemeinsam aufgestiegen, im Gleichtakt, Winterkorn immer schön zwei Stufen unterhalb seines Vorbilds. Jetzt frisst sich Ursulas Verärgerung wie Rost in den Männerbund.

Als Qualitätsassistent war Winterkorn 1981 zu Audi gekommen, bescheiden und seinem Mentor Ferdinand Piëch hörig. In seine spätere Ära als Vorstandschef von Volkswagen fiel Rekord um Rekord. Mit einer Serie neuer Modelle erweckte er den Konzern 2007 aus der Depression. Er setzte das Ziel, bis 2018 zum größten und erfolgreichsten Autohersteller der Welt zu werden. Eine Vision wie die Bergpredigt, größer als das Leben. Schon der Glaube daran bewirkte Wunder.

Die Volkswagen AG übernahm Porsche und Ducati, kaufte die Lkw-Hersteller Scania und MAN , stieg tatsächlich auf zum weltgrößten Autobauer. Winterkorns Selbstbewusstsein wuchs im selben Tempo. Vor eineinhalb Jahren räumte er sogar den scheinbar übermächtigen Patriarchen Piëch aus dem Weg, als der erstmals öffentlich Kritik an seinem Ziehsohn übte. In Wolfsburg sprechen bis heute viele ehrfürchtig vom "Doktor", manche gar vom "Professor" Winterkorn.

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