12.07.2018  Ringen um Vorherrschaft bei Künstlicher Intelligenz

China und die USA im Hightechkrieg

Von und
REUTERS

Amerikaner und Chinesen ringen um die künftige Vorherrschaft bei der künstlichen Intelligenz. Die Europäer haben noch eine Außenseiterchance.

Die folgende Geschichte stammt aus der Mai-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende April erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Hundert Köpfe zählt der Bund der JEDI: von René Obermann (Ex-Telekom-CEO und neuer Airbus-Chefkontrolleur) über Claudie Haigneré (Frankreichs erste Astronautin), Klaus Hommels (Gründer des Wagniskapitalfonds Lakestar) bis hin zu Antoine Petit, Frankreichs Chefforscher. Eine bunt gemischte deutsch-französische Elitetruppe aus Unternehmern, Managern, Finanziers, Wissenschaftlern und Spitzenbeamten hat sich in der "Joint European Disruptive Initiative" verbündet. JEDIs Ziel: sicherstellen, dass Europa den nächsten Technologiesprung nicht verpasst.

Vorbild ist die Darpa, die berühmte Agentur des US-Pentagon, die regelmäßig Challenges ausschreibt. Googles selbstfahrende Autos, Apples Sprachassistenten oder Elon Musks SpaceX-Raketen nahmen dort ihren Anfang.

Grundlagenforschung trifft auf Start-up-Geist. Diese Kombination soll jetzt auch Europa in großem Stil für sich entdecken. "Wir müssen schneller experimentieren und echte Moonshots ermöglichen", sagt JEDI-Sprecher André Loesekrug-Pietri, ein international erfahrener Wagniskapitalinvestor, der 2017 vorübergehend in den Leitungsstab des Pariser Verteidigungsministeriums wechselte.

Die große Hoffnung der JEDI-Ritter ist Emmanuel Macron. Der französische Präsident hat sich hinter den Plan gestellt, zehn Milliarden Euro will er im Rahmen seiner nationalen Strategie für die künstliche Intelligenz (KI) in einen Fonds für disruptive Innovationen stecken. Die GroKo in Berlin hat versprochen, ein deutsch-französisches KI-Institut einzurichten. Am 25. April stellt die EU ihre KI-Pläne vor.

Ein europäischer JEDI nach dem Vorbild der Darpa

Das wird auch höchste Zeit. Es steht nicht weniger auf dem Spiel als die "europäische Souveränität" (Macron). Denn China und die USA haben längst einen Wettlauf um die Vorherrschaft bei der künstlichen Intelligenz gestartet, Peking hat verkündet, bis 2030 bei KI die "weltweite Führung" an sich zu reißen. Für die Techgiganten aus dem Silicon Valley sei das der denkbar lauteste "Weckruf" gewesen, so Ex-Google-Boss Eric Schmidt, der inzwischen auch das Pentagon berät.

Beobachter sprechen schon von einem "Space Race", das da im Gange ist, einer Rivalität wie zu Zeiten von "Sputnik"-Schock und "Apollo"-Mondprogramm. Der "Kalte Techkrieg" sei de facto auch die Kulisse, vor der sich der eskalierende Handelsstreit abspiele, urteilt der amerikanische Politologe und Strategieberater Ian Bremmer. Denn Kompromisse sind quasi unmöglich, wenn's um das Monopol bei Spitzentechnologie geht. Jörg Wuttke, ehemaliger Chef der Europäischen Handelskammer in China, schätzt die Motive der Trump-Regierung ähnlich ein: "Das ist kein Handels-, sondern ein Hightechkrieg."

Die Jobkiller- und Robo-Kämpfer-Utopien mögen übertrieben sein. Fest steht: Künstliche Intelligenz wird Computersysteme, deren Leistungsfähigkeit sich vervielfacht hat, in eine neue Dimension katapultieren. Und als Querschnittstechnologie wird KI alle Branchen und Lebensbereiche erfassen.

Der Stanford-Professor und KI-Pionier Andrew Ng hat den Begriff von der "neuen Elektrizität" geprägt. Sie verheißt Wohlstandssprünge, verändert die militärischen Machtverhältnisse und könnte ganze Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle umpflügen. "Wer die KI beherrscht, der beherrscht künftig die Welt", gab Wladimir Putin der russischen Jugend unlängst zum Schuljahresbeginn mit auf den Weg.

Der Wettlauf um die neue Technologie ist zugleich ein Kampf der ideologischen Systeme: Das liberal-kapitalistische Silicon Valley wird von der autoritär-kapitalistischen Volksrepublik herausgefordert. Auf beiden Seiten fließen Milliarden in KI-Projekte. Ausschlaggebend ist am Ende aber, wer die besten Köpfe, die stärksten Rechner und die umfangreichsten Datenmengen hat, mit denen die lernenden Maschinen gefüttert und trainiert werden.

Das macht es für die Europäer schwer, mitzuhalten. Sie mögen exzellente Wissenschaftler haben, ökonomisch und politisch entgleitet ihnen jedoch die Kontrolle. Der jüngste Datenskandal bei Facebook gibt einen Vorgeschmack: Zerfällt die Welt wieder in konkurrierende Machtblöcke, kommt es darauf an, wer die Schlüsselprodukte baut, ihre Nutzungsregeln festlegt und die Monopolgewinne daraus einstreicht.

"Algorithmen sind Meinungen innerhalb von Computerprogrammen", sagt die US-Mathematikerin Cathy O'Neil. Und wenn Europa die Technik nicht selbst beherrscht, muss es sich der Logik des Valleys oder der Volksrepublik unterwerfen.

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