03.06.2017 
Berlins weibliche Bosse

Chefposten in der Hauptstadt? Eine Frauen-Domäne

Von
Dominik Butzmann für manager magazin

Nirgends gibt es mehr Frauen in Toppositionen als in den Staatsunternehmen der Hauptstadt - dank Gleichstellungsgesetz. Und siehe da: Die Ladys machen einen super Job.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 4/2017 des manager magazins, die Ende März erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ein spontaner Kaffee mit Sigrid Nikutta (47)? So gut wie unmöglich, die Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und Herrin über 10 U-Bahn-Linien, 22 Straßenbahnlinien, 151 Buslinien und sechs Fähren liebt es durchgetaktet. Freitags etwa geht gar nichts, da hat sie ihren "Tag der Praxis", repariert kaputte Waggons oder kontrolliert Fahrkarten.

Es braucht schon höhere Gewalt, um die Managerin und Mutter von fünf Kindern (um die Familie kümmert sich ihr Mann) aus der Taktung zu holen. Einen Fluglotsenstreik beispielsweise. Der zwingt Nikutta an einem Donnerstag im Februar, früher als geplant von einem Vortrag bei BASF zurückzufliegen. Da sitzt sie nun im "Café Einstein Unter den Linden", um den Hals einen Schal mit blau-rot-schwarz-weißem Wimmelmuster, dem Design der BVG-Sitze, und hat tatsächlich eine Stunde lang nichts vor.

In den fast sieben Jahren ihrer Amtszeit hat Nikutta viel richtig gemacht. Seit 2013 erzielt der Landesbetrieb nach durchgängig defizitären Jahrzehnten ein positives Betriebsergebnis, die Fahrgast- und Abozahlen wachsen, die Schulden sinken. Ende 2016 verlängerte der Aufsichtsrat Nikuttas Vertrag bis 2022.

Die BVG-Vorsitzende zählt zu dem feinen und gar nicht kleinen Klub von Unternehmensführerinnen, die in Berlin so ziemlich alles managen, worauf die Hauptstädter täglich angewiesen sind. Die U-Bahn, die Müllabfuhr, der größte Krankenhausverbund und der wichtigste Energieversorger: Die Lebensadern der Hauptstadt - zusammen rund 3,5 Milliarden Euro Umsatz - befinden sich operativ fest in Frauenhand.

Unter dem Zwang strenger Gleichstellungsnormen wurden Headhunter und Aufsichtsräte in den vergangenen Jahren regelrecht kreativ. Tanja Wielgoß (45), eine ehemalige Unternehmensberaterin und Luftfahrtexpertin, wurde an die Spitze der Müllmänner berufen. Die Ärztin Andrea Grebe (55) warb man nahe Stuttgart für den Klinikverbund Vivantes ab. Und auch BVG-Chefin Nikutta hat keine typische BWLer-Karriere vorzuweisen, sie ist studierte Psychologin.

In vielen der 53 Unternehmen, an denen das Land Berlin beteiligt ist - vom Flughafen über die Wasserversorgung bis zur Förderbank - sitzen Frauen inzwischen mit in der Chefetage. In nur acht Jahren schnellte ihr Anteil von 5 auf 41 Prozent hoch, während er in der Privatwirtschaft im mittleren einstelligen Bereich verharrt, allen Quotendebatten zum Trotz. Wo kein Zwang, da passiert nichts, stellt die deutsch-schwedische Allbright Stiftung fest, die 2016 mal nachgezählt hat und die freiwilligen Anstrengungen deutscher Unternehmen so zusammenfasst: "Zielgröße: Null Frauen."

Befördert hat den Durchmarsch der Frauen in der Hauptstadt vor allem "der politische Wille", in Sachen Gleichstellung Vorbild zu sein, sagt die Personalberaterin Anke Hoffmann, die im Auftrag des Landes etliche Suchen begleitete. Hinzu kam, dass sich mit den Quereinsteigerinnen die Chance ergab, lokale Seilschaften und Erbhöfe endlich aufzubrechen. Das Experiment hat funktioniert, die Unternehmen sind heute deutlich besser geführt als früher.

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