30.10.2017  Das Gutschein-Imperium des Jochen Schweizer

Schlechter als sein Ruf

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Jochen Schweizer, hier als Juror der Vox-Show «Die Höhle der Löwen».
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Jochen Schweizer, hier als Juror der Vox-Show «Die Höhle der Löwen».

Der Erlebnisunternehmer Jochen Schweizer balanciert auch geschäftlich gern am Abgrund. Nachdem manager magazin die Bilanzakrobatiken der Gutscheinfirma aufgedeckt hatte, verkaufte Schweizer Ende Juni die Mehrheit seiner Firma an ProSiebenSat.1. Nachfolgend der mm-Report, der dem Deal voranging.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 6/2017 des manager magazins, die Ende Mai erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Über 30 Meter hoch ragt neuerdings ein Turm silbrig glänzend in den Himmel südöstlich von München. Wer ihn gebaut hat, ist kilometerweit zu sehen: Jochen Schweizer (59). Der Namenszug des Unternehmers und Ex-Stuntman prangt gleich an drei Seiten des Turms, in riesigen weißen Buchstaben. Das Bauwerk ist vollgestopft mit Technik für einen Windkanal, in dem Menschen, nur vom Luftstrom getragen, bis zu 15 Meter hoch fliegen können. Wer lieber surft statt fliegt, auf den wartet eine stehende Welle.

Seinen neuesten Abenteuerspielplatz hat Schweizer gemeinsam mit dem Flugzeugbauer Airbus errichtet, auf dessen Gelände steht das über zehn Millionen Euro teure Ensemble. Zur Eröffnung der Arena Anfang März kamen Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (60), Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (52) und Airbus-Chef Tom Enders (58). Einen "Heidenspaß" hatte Aigner bei ihrem Flug im Windkanal.

Zwei Monate später sitzt Jochen Schweizer beim Interview in seinem Arena-Restaurant "Schweizer's Kitchen". Zwei kleine Jungs in Fliegeranzügen kommen vom Windkanal herübergelaufen und bitten um ein Foto mit ihrem Idol. Sie kennen ihn von der TV-Gründershow "Die Höhle der Löwen". "Wer ist der coolste Löwe?", fragt er die zwei. "Sie!", kommt es entschieden zurück. Schweizer grinst bis über beide Ohren.

Vom Nachbartisch rufen ein paar Männer in breitem Schwäbisch herüber, das Essen sei ja ganz gut, aber sie vermissten die Weißwürste. Die könne er leider nicht anbieten, das wäre gegen seine Ernährungsphilosophie, witzelt Schweizer.

Der Mann inszeniert sich gern als Gesamtkunstwerk. Er springt aus Flugzeugen, paddelt mit dem Kajak durch Wasserfälle, macht Yoga, meditiert und ernährt sich gesund, unter anderem mit Goijbeeren und Chiasamen. Sein nächstes Buch soll von Ernährung handeln.

Mit seiner Marke hat Schweizer es weit gebracht: zum größten "Erlebnisanbieter" der Republik - und zum Fernsehstar. Keiner verkauft mehr Erlebnisgutscheine, keiner kommt bei den Zuschauern des TV-Spektakels so gut an wie der kantige Unternehmer, der die Gründer schon mal ordentlich rundmacht. Das Publikum wählte ihn zum beliebtesten Löwen.

Mit der Arena setzt er sich nun sein persönliches Denkmal. Das Kerngeschäft seiner 650-Mitarbeiter-Gruppe, der Verkauf von Gutscheinen für Abenteuer, Nervenkitzel und Romanzen aller Art, vom Bungeespringen über Quad- und Lamborghini-Touren bis hin zu Candlelight-Dinnern, könnte dagegen bald einen neuen Eigner bekommen. Die Beratung GCA Altium ist mandatiert, alle Optionen bis hin zu einem Mehrheitsverkauf zu prüfen. Vorausgesetzt, es findet sich ein Erwerber.

Denn die im Bundesanzeiger veröffentlichten HGB-Abschlüsse von Schweizers Gutscheinfirma zeigen, dass der Ex-Stuntman auch geschäftlich einen heißen Reifen fährt. Mit den Gutscheinverkäufen wächst Jahr für Jahr die bilanzielle Überschuldung der Kerngesellschaft namens Jochen Schweizer GmbH. Per Ende 2015 wies sie einen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag von 69 Millionen Euro aus, 60 Prozent der gesamten Bilanzsumme.

Mindestens ebenso beunruhigen müsste jeden einzelnen Kunden, dass die GmbH per Ende 2015 nur 9,5 Millionen Euro in der Kasse hatte, zugleich aber Verpflichtungen über 107 Millionen Euro aus nicht eingelösten Gutscheinen. Eine enorme Lücke, selbst wenn geschätzt jeder Dritte seinen Gutschein verfallen lässt. Schweizer sagt, die "No-show-Quote" liege "konstant auf sehr niedrigem Niveau".

Seit Jahren wächst das Geschäft zweistellig, angetrieben von hohen Marketingausgaben. Finanzieren die neu verkauften Gutscheine das Einlösen der alten? Basiert Schweizers Business also auch auf einer Masche, die an Bernie Madoff erinnert? Der finanzierte Dividenden an seine Fondszeichner so lange mit neuen Anlegergeldern, bis ein Investor mehrere Milliarden zurückforderte und das System zum Einsturz brachte. Mehrere Finanzinvestoren und Wirtschaftsprüfer, denen manager magazin Schweizers Abschlüsse vorlegte, sehen Ähnlichkeiten

Sobald die Verkäufe stagnieren oder gar schrumpfen, "käme die Gesellschaft wahrscheinlich schnell in Geldnöte", prognostiziert ein Private-Equity-Manager, der vor Jahren den Kauf des Unternehmens geprüft und als zu riskant verworfen hat.

Schweizer sagt: "Die Gesellschaft finanziert sich seit vielen Jahren aus nachhaltiger Profitabilität und verfügt dabei über stetig zunehmende freie Liquidität." Die Jochen Schweizer GmbH erstelle auch Abschlüsse gemäß dem internationalen Bilanzstandard IFRS. Diese wiesen seit Jahren positive Ergebnisse vor Zinsen und Steuern aus.

Doch wo ist das ganze Geld der Gutscheinkäufer geblieben?

Darüber kann Jochen Schweizer eigentlich gar nicht mehr so recht Auskunft geben. Vor einem Jahr hat er sein Amt als Geschäftsführer der von ihm zu 96 Prozent gehaltenen Jochen Schweizer GmbH niedergelegt. "Ich habe hervorragende Leute, die das Unternehmen leiten", sagt er. "Ich sehe mich als Mentor und Enabler, der den Menschen die Möglichkeit gibt, ihre Talente zu entwickeln." Immerhin agiere er noch als "Active Chairman" - eine Position, die das GmbH-Gesetz gar nicht vorsieht. Bei anderen Firmen seines unübersichtlichen Geflechts, an denen zum Teil externe Investoren beteiligt sind, firmiert er weiter als Geschäftsführer.

Der Mann ließ sich noch nie gern in Schubladen und Regeln quetschen. Als Kind sei er "mehr als fünfmal und weniger als zehnmal" von der Schule geflogen, erzählt er. Der Grund war immer derselbe: Aufsässigkeit. "Ich habe grundsätzlich jede Regel hinterfragt, um deren Sinnhaftigkeit zu verstehen. Und dann war ich bezüglich der Sinnhaftigkeit meist anderer Meinung."

Unprätentiös, im schwarzen T-Shirt, sitzt er da, ein erstklassiger Unterhalter. Er zitiert gern Gelehrte wie Erasmus von Rotterdam oder den Dalai Lama. Und solange es nicht um das nervige Thema Bilanzen geht, spricht er mit sanfter Stimme, fast wie ein Märchenonkel.

Im badischen Ettlingen geboren, wächst er in Heidelberg ohne Vater auf. Als "schutzlos" beschreibt er seine Jugend. Früh beginnt er mit Freunden Kajak im Wildwasser zu fahren. Nachdem er mit Ach und Krach das Abitur geschafft hat, zieht es ihn nach Afrika. Dort wickelt er für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit Transporte ab. Er verdingt sich als Stuntman; während der Dreharbeiten zu Willy Bogners "Feuer, Eis & Dynamit" stürzt er sich mit einem Gummiseil an den Füßen von einer Staumauer und wird so zum Wegbereiter des Bungeespringens in Deutschland. 1990 eröffnet er seine erste Sprunganlage, viele weitere folgen.

Die kleine Firma wächst und wächst, bis 2003 ein junger Mann stirbt, weil ein Seil reißt. Von da an will kaum einer mehr bei Schweizer buchen, er entlässt 60 Mitarbeiter und entrinnt mit Mühe dem Konkurs. Der Neustart gelingt zwei Jahre später. Für seine Idee, Gutscheine für Erlebnisgeschenke zu vermarkten, findet er wagemutige Privatinvestoren.

"Er ist ein extremer Kämpfer, auch im Geschäft", sagt einer, der bis vor vier Jahren beteiligt war. Schweizers Unternehmen reüssiert - insbesondere weil er viel Geld ins Marketing steckt.

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