09.08.2018  Interview mit IG-Metall-Boss Jörg Hofmann

"Die deutsche Autoindustrie riskiert ihren Erfolg"

Ein Interview von und
Gene Glover für manager magazin

3. Teil: "Wir sorgen als Aufsichtsrat dafür, das alles auf den Tisch kommt"

Und dann?

Passiert nicht viel und schon gar nicht in der notwendigen Dimension. Seit acht Jahren diskutieren Bundesregierung, Industrie und Wissenschaftler jetzt in der Nationalen Plattform Elektromobilität über solche Themen. Das Ergebnis ist sehr überschaubar.

Die Autoindustrie hat durch den Dieselskandal viel von ihrer Glaubwürdigkeit verloren. Es scheint, als verträte die IG Metall jetzt in Brüssel und Berlin die Interessen der Branche, gerade beim Thema CO2. Mutiert die IG Metall zum Lobbyverein?

Sicher nicht. Aber die Autohersteller haben in der Tat ein Reputationsproblem. Uns traut man noch. Als wir zum Beispiel im vergangenen Jahr in Brüssel ein Zehn-Punkte-Programm zur CO2-Regulierung präsentiert haben, hatte das Gewicht.

Obwohl Sie durch Ihre Aufsichtsratsmandate Mitverantwortung tragen.

Die Kommissare wissen genau, dass wir schon viel länger auch in den Unternehmen für Elektromobilität kämpfen als die Kapitalseite. Die IG Metall bekennt sich klar zum Zielbild einer CO2-freien Mobilität. Aber wir streiten für einen Weg, der verhindert, dass die Beschäftigten unter die Räder kommen.

Vielleicht sollten Sie darauf drängen, dass die Autokonzerne selbst wieder glaubwürdiger werden. Sie sind stellvertretender Aufsichtsratschef von Volkswagen. Wäre es nicht an der Zeit, Schadensersatz vom früheren Chef Martin Winterkorn zu verlangen?

Da sind erst einmal die Staatsanwälte und die Gerichte an der Reihe. Wir sorgen als Aufsichtsrat dafür, dass die Aufklärungsarbeit vorankommt und alles auf den Tisch kommt. Und seien Sie gewiss: Wenn sich Haftungsthemen ergeben, dann werden wir diese geltend machen. Sei es bei Herrn Winterkorn oder anderen Managern.

Der von der US-Regierung eingesetzte Monitor Larry Thompson hat in seinem ersten Bericht gefordert, VW müsse verdächtige Mitarbeiter härter sanktionieren. Kann der frühere VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch dann wirklich Aufsichtsratsvorsitzender bleiben? Gegen Pötsch wird wegen des Verdachts auf Kapitalmarktbetrug ermittelt.

Er weist den Vorwurf zurück. Schauen Sie auf den Konzernvorstand. Nur noch ein Mitglied saß dort schon vor 2015. Viel wichtiger als Personalrochaden ist aber eine Kultur, die Integrität und Compliance als "tone from the top" lebt. Das fordern wir im Aufsichtsrat ein.

Volkswagen stellt die Trucksparte gerade für einen Börsengang auf. Aber das Unternehmen hat sich gegen eine Holdingstruktur entschieden. Siemens, ThyssenKrupp, Daimler und Conti dagegen steuern in Richtung stärkere Aufspaltung. Ist das die Zukunft der großen deutschen Konzerne?

Hoffentlich nicht. Aber ich unterscheide da. Bei Daimler und bei Volkswagen geht es vor allem darum, frisches Kapital zu bekommen und so neue Wachstumschancen zu schaffen. Das ist in Ordnung.

Bei Siemens und Conti ist das anders?

Ich fürchte ja. Wenn ich die Zukunftsbereiche vom alten Geschäft abtrenne, wenn so neue Beschäftigung jenseits des Unternehmens entsteht, dann besteht die Gefahr, eine Art Bad Bank zu schaffen.

Conti-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle würde Ihnen erklären, dass der von Ihnen angesprochene Bereich Powertrain eine lange Zukunft hat.

Trotzdem: Sie trennen die wachsenden von den stagnierenden Bereichen. Wo liegt dann wohl der Fokus bei den Investitionen? Und erst recht bei den Investitionen in die Mitarbeiter?

Siemens -Chef Joe Kaeser argumentiert anders. Er will einen Verbund von Schnellbooten schaffen ...

... ja, ich weiß, der Tanker ist zu langsam und der Mischkonzern nicht zukunftsfähig. Aber das ist Schönwetterpolitik. Was passiert denn, wenn sich die Konjunktur eintrübt? Dann gilt die Erfahrung, dass die stabilen Geschäftsbereiche die kriselnden stützen. Da geht es darum, die unterschiedlichen Standbeine zu verstärken. Siemens verliert diese Stabilität. Andere, wie Bosch, gehen andere Wege.

Bosch ist nicht an der Börse, muss weniger an die Rendite denken.

Dieses Börsendenken ist brandgefährlich. Siemens ist ein Innovationskonzern, hat dabei immer auch von Synergien gelebt. Da ist Kaesers Strategie nicht nachvollziehbar.

So viele Synergien sehen wir bei Siemens aber auch nicht.

Noch gibt es Synergien. Aber wenn Herr Kaeser seine Schnellboote zehn Jahre auseinandersteuern lässt, wenn in dieser Zeit weitere Technologiesprünge kommen, dann tut es richtig weh. Das ist kurzsichtig.

Herr Kaeser fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen. Kommt er damit bei Ihnen besser an?

Nein, das überzeugt mich gar nicht. Das ist der Versuch, negative Folgen der Digitalisierung - die Rationalisierungsopfer - der Gesellschaft aufzubürden. Joe Kaeser steht für originelle Verteilungspolitik zur Entlastung seiner Konzernkasse.

Warum so negativ? Der Arbeiter- und Bauernstaat ist Utopie geblieben. Aber wenn in Zukunft die Arbeitszeit weiter sinkt und das Grundeinkommen kommt, dann haben wir irgendwann zumindest das Arbeiterparadies.

Halleluja! Es geht doch um gute Arbeit für alle. Jeder muss mit seiner Arbeitsleistung sein Leben finanzieren können; das müssen wir schaffen, da sind die Unternehmen in der Pflicht. Diese sozialphilanthropischen Überlegungen mancher Manager und Unternehmer erinnern an die Beichte im Beichtstuhl: "Ich bin ein guter Mensch, ich habe über euch nachgedacht. Aber nehmt mich bitte nicht in die Verantwortung!"

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