19.09.2018 
Angriff auf die Datenkrake

Wie die zunehmende Regulierung Googles Geschäftsmodell bedroht

Von
REUTERS

Lange konnte sich der Werbegigant hinter Facebooks Fehltritten verstecken. Doch jetzt droht Mountain View ein Angriff gleich von zwei Seiten.

Die folgende Geschichte stammt aus der August-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juli erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

War da was? Müssen wir uns Sorgen machen? Sundar Pichai (46) gibt sich tiefenentspannt. Wir sind doch die Guten!

Als der Google-Chef Anfang Mai auf der konzerneigenen Entwicklerkonferenz I/O die Innovationen vorstellte, bekam das Publikum die übliche Vorstellung präsentiert. Die Google-Show, eine lässige Mischung aus neuen Apps, Zukunftsprojekten und technischen Spielereien, entspricht ganz dem idealistischen Selbstbild. Über das glanzlose Kerngeschäft, personalisierte Onlineanzeigen, die für über 86 Prozent des Umsatzes stehen, sprechen sie in Mountain View nicht so gern.

Auf der I/O präsentierte Pichai eine neue Funktion für den E-Mail-Dienst Gmail, der Sätze nun während des Schreibens automatisch ergänzt, und eine künstliche Intelligenz (KI), die Qualität und Relevanz von Nachrichten bewertet. Die Kamera von Android-Smartphones ist künftig in der Lage, Produkte, Gebäude oder andere Objekte zu erkennen. Live und automatisiert.

Googles Computersysteme speichern also, was Nutzer durch ihr Telefon sehen, und protokollieren, und zwar schon während sie formulieren, was in ihren Köpfen vorgeht.

Pichais Highlight war eine KI, die einen Friseurtermin am Telefon ausmacht. Das Publikum war baff - auch wenn es sich bloß um eine Aufzeichnung handelte. Die Computerstimme war nicht von einem Menschen zu unterscheiden, spontane Sprechpausen, "mmh", inklusive. Manche hat das durchaus verängstigt. Was, wenn mich eine Software anruft und ich realisiere das nicht? Auf der I/O jubelten sie trotzdem wie bei einem Popkonzert, Pichai lächelte milde.

Sein Vortrag erschien seltsam entkoppelt von der realen Welt, in der die Techindustrie zuletzt vor allem mit Datenskandalen und wachsendem Regulierungsdruck rang. Pichai sprach zwar von "einem tiefen Gefühl von Verantwortung" und rühmte sich gemeinnütziger Projekte. Doch tatsächlich tut der Konzern alles, um immer mehr Daten zu sammeln - davon profitierten schließlich auch die Nutzer.

Microsoft-Boss Satya Nadella (50) hatte nur einen Tag zuvor in Seattle demütig ein "Menschenrecht" auf Datenschutz ausgerufen und die jüngste Gesetzesverschärfung der Europäer gelobt. Auch Apple gab sich in den vergangenen Monaten alle Mühe, sein Image als vertrauenswürdiger Datentresor zu festigen. Anfang Juni kündigte der Konzern an, in seinem Safari-Browser, der zur Serienausstattung von iPhones, iPads und Macs zählt, künftig Tracking-Cookies zu blockieren. Ein direkter Angriff auf Facebook und Google , die damit profitsteigernd das Surfverhalten ihrer Nutzer ausspähen. Der Nutzer, so Apples sublime Message, ist bei uns König. Ihr anderen tut doch nur so.

Google: Niemand kennt dich besser
  • Copyright:
    Google weiß, was seine Nutzer wollen, davon lebt der Konzern. Wer in seine persönlichen Daten schaut, erschrickt über den Detailgrad der Informationen.

Seit den jüngsten Datenskandalen sind die Regierungen weltweit aufgewacht. In Europa und den USA drohen härtere Schutzrechte; Kartellwächter spielen immer lauter Szenarien für eine Zerschlagung Googles durch. Selbst das technikfreundliche Kalifornien hat ein neues Recht auf Privatsphäre verabschiedet, das für US-Verhältnisse überraschend scharf ausfällt.

"Hinter allen datengetriebenen Marketingmodellen steht nun plötzlich ein Fragezeichen", sagt PR-Guru Richard Edelman. Dabei war es stets Googles Alleinstellungsmerkmal, mehr über Menschen zu wissen als andere Werbeanbieter. Zunehmende Regulierung droht den Rohstoff für diese Vorhersagen - intime Nutzerdaten - immer weiter zu verknappen.

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