31.10.2017 
Der Historiker Frank Trentmann über 500 Jahre Konsumgeschichte

"Schizophrener Staat"

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Shop till you drop: Die neuen Mittelschichten Asiens haben ihren Lebensstandard enorm erhöht
REUTERS
Shop till you drop: Die neuen Mittelschichten Asiens haben ihren Lebensstandard enorm erhöht

Der Historiker Frank Trentmann zieht Lehren aus 500 Jahren Konsumgeschichte.

manager magazin: Herr Trentmann, wir kaufen, tauschen, verschenken, verbrauchen immer mehr. Warum?

Frank Trentmann: Konsum ist ein wesentlicher Teil unserer sozialen Identität. Über die Dinge drücken wir uns aus und treten mit anderen in Beziehung.

mm: Massenkonsum ist ein relativ neues Phänomen ...

Trentmann: ... was nicht unbedingt heißt, dass der vormoderne Mensch bescheidener war. Allerdings war auffälliger Konsum lange Zeit den Eliten vorbehalten. In Württemberg konnten modisch gekleidete Frauen bis ins 18. Jahrhundert im Gefängnis landen; die Zünfte achteten streng auf die Einhaltung sozialer Hierarchien. Im Venedig der Renaissance durften zu Hochzeitsbanketten nur Früchte der Saison gereicht und etwas Silberbesteck verschenkt werden. Ein regelrechtes Antiluxusgesetz, das exzessiver Verschuldung vorbeugen sollte.

mm: Heute predigen Staat und Naturschützer Konsumzurückhaltung, vor allem aus ökologischen Gründen.

Trentmann: Das ist schizophren, denn zugleich fördert die öffentliche Hand den Konsum massiv als wichtigsten Wirtschaftsmotor.

mm: Lehrt uns der Blick in die Geschichte, nachhaltiger zu leben?

Trentmann: Es zeigt sich, wie stark Konsumkultur stets mit staatlichem Handeln verwoben war. Einzelne können keinen Systemwechsel herbeiführen. Nötig sind vielmehr fantasievolle, kollektive Ansätze.

mm: Derweil ruiniert der neue Konsumhunger in Asien den Planeten?

Trentmann: Die Mittelschicht in China legt immer noch ein Drittel ihres Einkommens auf die hohe Kante. Das Problem ist die Größe der Bevölkerung.

Buchtipp

Frank Trentmann
Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute


DVA, 1104 Seiten, gebunden, Mai 2017, 40,- Euro

Jetzt kaufen

mm: Acht Jahre Recherche, 1104 Seiten inklusive aller Anhänge: Was hat Sie bei Ihrem Mammutprojekt am meisten überrascht?

Trentmann: Der Firmeneinfluss auf die Konsumstile etwa. Der Schuhfabrikant Bata richtete seinen Arbeitern einst das größte Kino in Zentraleuropa ein, 2500 Plätze. Ein regelrecht pädagogischer Ansatz.

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