04.04.2018  Die Gastronomie der Fernsehköche

Wenn die Quote mehr zählt als die Sterne

Von Patricia Engelhorn, Mitarbeit: Wolfgang Hirn / Michael Ortmanns
picture alliance / Christina Sabrowsky

Mit Kochen allein kommt heute keiner mehr weit. Es sei denn, er kocht im Fernsehen. Die TV-Popularität hat so manchem Küchenchef zu einem kleinen Gastroimperium verholfen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Januar-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Dezember erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Zu den Chefdays Mitte September in Berlin, dem Mini-Oscar für Spitzenköche, kamen sie mal wieder alle: Vladimir Mukhin aus dem "White Rabbit" in Moskau, vom Gourmetmagazin "Rolling Pin" gefeiert als "der kulinarische Zar der New Russian Cuisine", Platz 23 der "50 Best"-Liste, mit Hipsterdutt und Bart, zeigt einen Werbefilm, in dem kurz das Logo einer russischen Automarke eingeblendet wird: "We have good food, good cars." Dann erzählt er, wie er drei Tage die Woche im Land herumreise, um die russische Küche wiederzuentdecken: Zwiebeln aus Jalta, Äpfel aus Antonovka, Schnecken vom Schwarzen Meer. "Wenn ich koche, muss das Essen aussehen, als ob es aus der Zukunft kommt, schmecken aber muss es wie Großmutters Küche." Applaus.

Genießer-Tipps von Profis

Herein stürmt Nick Bril, in brauner Schürze, der Rockstar der Szene. Vergangene Nacht hat er noch im "Berghain" aufgelegt, er ist nebenbei DJ. Seine Homebase ist das "The Jane", eine Fine-Dining-Bude in der Kapelle eines Militärkrankenhauses in Antwerpen. Gekocht wird in einem Glaskubus im ehemaligen Altarraum. Brils Slogan, man ahnt es, lautet: "Food is our religion."

Sein zweiter: Wenn du ein volles Haus haben willst, musst du es krachen lassen, in den sozialen Netzwerken, im Fernsehen, auf allen Kanälen. 2018 macht er ein neues Restaurant auf. Denn kochen kann Bril natürlich auch, bei ihm gibt's heute Langustine und Auster, mariniert, mit Dashi (ein Fischsud). Noch mehr Applaus.

Auftritt Harald Wohlfahrt, Starkoch aus Deutschland. Er soll den Preis für sein Lebenswerk in Empfang nehmen. So richtig passt der Mann im Janker nicht hierher, zwischen all die jungen, energiegeladenen Typen in schwarzen Shirts mit fettgelbem Aufdruck: "Food is my porn". Unbeholfen dankt er seiner Frau, die noch unbeholfener neben ihm steht.

Ausgerechnet Wohlfahrt. Vor ein paar Monaten ist er im Streit aus der "Traube Tonbach" ausgeschieden, es gab Gerichtstermine. Dass er bei der Vergabe der Michelin-Sterne Mitte November nach 25 Jahren das erste Mal leer ausgehen würde, war klar: ohne Restaurant kein Stern. "Harald, du bist der Größte", brüllt einer von hinten aus dem Publikum. "Die Zukunft ist offen", sagt Wohlfahrt. Und vorbei ist der Programmpunkt.

Große Show geht anders. Die Zukunft gehört den jungen Wilden, den Mukhins und Brils.

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