04.01.2018  Ernst-Ludwig Winnacker

Deutschlands Gentechnik-Papst

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Foto: manager magazin

Der Biochemiker hat die deutsche Genforschung geprägt wie kein anderer. Ohne ihn gäbe es sie in der Form gar nicht. Deswegen wurde Ernst-Ludwig Winnacker nun in die Hall of Fame der deutschen Forschung berufen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Dezember-Ausgabe 2017 des manager magazins, die Ende November erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Postalisch und politisch zählt das Genzentrum der Ludwig-Maximilians-Universität zu München noch zur Landeshauptstadt, ideell gehört der Betonbau jedoch auf die andere Straßenseite, ins "Biotech Valley" der Landkreisgemeinde Martinsried. Er ist sogar dessen Keimzelle: In seinen Labors forschten die wichtigsten Köpfe, die diese Branche in Deutschland geprägt haben. Sie entwickeln neue Arzneien und revolutionäre Therapieansätze, TecDax-Unternehmen wie MorphoSys und Medigene haben dort ihren Sitz.

Ernst-Ludwig Winnacker war das Mastermind dieses Projekts. Der Gründungsdirektor des Genzentrums hat zusammen mit seinem Doktoranden Horst Domdey ein für die Restrepublik wegweisendes Start-up-Zentrum geschaffen; er hat Medigene mitgegründet, an die Börse gebracht und aus dem Aufsichtsrat heraus viele Jahre vorangetrieben. Als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und als Autor von Fachbuchklassikern wie "Gene und Klone" oder "Das Genom" hat Winnacker das Denken über den Umgang mit dem Erbgut maßgeblich bestimmt. Deswegen wurde er nun in die Hall of Fame der deutschen Forschung berufen.

Der Vater der deutschen Biotechnologie verfügt über einen feinen Humor und messerscharfen Verstand. Winnacker spricht leise, seinen weichen hessischen Zungenschlag hat der 76-jährige Professor selbst nach den vielen Jahren im Ausland nicht ganz abgelegt.

Dass der Sohn des einstigen HoechstChefs eine so glänzende Wissenschaftskarriere machen konnte, verdankt er einem frühen Scheitern. Ursprünglich wollte er Pianist werden, sah aber bald nach der Aufnahme des Studiums, dass sein Talent an den Tasten nicht ausreichte. Also entschied er sich für das Fach des Vaters, die Chemie. Und weil deren biologische Anwendungen im Deutschland der frühen 60er Jahre noch kaum erforscht und gelehrt wurden, studierte der angehende Biochemiker an der ETH Zürich, damals die einzige Elitehochschule im deutschsprachigen Raum.

Nach der Promotion 1968 zog es Winnacker nach Berkeley und ans schwedische Karolinska-Institut, wo auch das Komitee für den Medizin-Nobelpreis tagt. Danach wäre er fast bei James Watson, dem Entdecker der DNA-Doppelhelix, und dessen Labor im amerikanischen Cold Spring Harbor gelandet, doch er entschied sich für die Rückkehr in die Heimat.

Ab 1977 arbeitete Winnacker als Professor an der Universität München, 1984 gründete er das Genzentrum. Das Konzept war so naheliegend wie revolutionär für Deutschland: Die exzellente Grundlagenforschung in der Biologie und der Biochemie, der Human- und der Tiermedizin sollte wirtschaftlich genutzt werden. Das passte perfekt zum Ziel des damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß(CSU) und seiner Nachfolger, das Agrarbundesland in einen Hightechstandort zu verwandeln.

Und so förderte die Politik Winnackers Ansatz. Im Jahr 1994 konnte er den aufwendigen Neubau des Genzentrums einweihen. Das zog Industrielabors an, das benachbarte Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie beherbergt heute über 60 Firmen mit gut 650 Mitarbeitern.

1998 wurde Winnacker zum Präsidenten der DFG gewählt. Mit einem Jahresetat von über drei Milliarden Euro ist sie die wichtigste Institution zur Wissenschaftsförderung hierzulande. Winnacker setzte sich vor allem für den Nachwuchs ein, indem er das Emmy-Noether-Programm schuf: Die promovierten Stipendiaten werden fünf Jahre lang als Leiter einer Forschergruppe bezahlt - und können sich so für eine Professur und andere Führungsaufgaben qualifizieren. Idealerweise soll ihnen das die Habilitation ersparen, also den deutschen Sonderweg für eine akademische Karriere, der im Ausland als Schikane gilt.

Parallel zu seiner Arbeit bei der DFG musste Winnacker sein Start-up Medigene durch schwere Krisen führen. Als Aufsichtsratschef hat er sich vom Mitgründer und langjährigen Vorstandsvorsitzenden Peter Heinrich getrennt. "Keine leichte Aufgabe", erinnert sich der Genforscher, "weder fachlich noch menschlich."

Nach zwei Amtszeiten als Präsident der DFG ließ sich Winnacker mit 66 Jahren beim Europäischen Forschungsrat (ERC) verpflichten. Als Gründungsgeneralsekretär installierte er bei der EU-Kommission Förderlinien für Wissenschaftler, die alljährlich Hunderten von Akademikern neue, gut dotierte Arbeitsplätze an europäischen Hochschulen und Instituten verschaffen. "Jedes Jahr 2,2 Milliarden Euro für neue Projekte, das hat es zuvor und andernorts noch nicht gegeben", sagt der Initiator stolz.

Seit 2015 ist Winnacker zurück am Genzentrum. Heute gilt sein Interesse multiresistenten Bakterien, also Krankheitserregern, gegen die kaum ein Antibiotikum hilft. Zusammen mit dem Tiermediziner Eckhard Wolf und dem Herzchirurgen Bruno Reichart will er demnächst eine kleine Forschungsgruppe ins Leben rufen, die an Schweineherzen experimentiert.

Daneben widmet er sich wieder verstärkt dem Klavier, nimmt sogar Unterricht bei einer Russin. Die Lehrerin spiele "viel besser" als er, gesteht Winnacker. Manchmal ist es sogar für Superstars noch ein ganzes Stück bis zum Ziel.

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