23.06.2017  Siegeszug des Start-ups Sigfox aus Frankreich

Diese Franzosen wollen uns alle zu Mini-Sendern machen

Von
Christophe Fourtet (l.) und Ludovic le Moan (r.)
Ole Schleef für manager magazin
Christophe Fourtet (l.) und Ludovic le Moan (r.)

Die beiden Franzosen treiben mit ihrem Start-up Sigfox die großen Mobilfunknetzbetreiber vor sich her.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 7/2017 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Christophe Fourtet (49) sammelt Funkgeräte. Ob aus Holz oder Metall, kiloschwere oder Walkie-Talkie-kleine, die Dinger sind "meine Passion", sagt er. Vom Schreibtisch aus hat der Ingenieur seine Babys stets im Blick, sie dienen als Inspiration, wenn er selbst mal wieder an Transmittern tüftelt.

Fourtet, ein Technikfreak in kariertem Kurzarmhemd, hat sich dabei auf "das Wesentliche" konzentriert, wie er sagt. Sparsamkeit statt Chichi, Fourtet klingt wie ein buddhistischer Mönch, wenn er von seiner Erfindung spricht: ein besonders energieeffizienter Minisender, der Dinge und Lebewesen mit dem Internet verbindet.

Klingt simpel, aber die Dinger haben es in sich. Zusammen mit seinem Co-Gründer Ludovic Le Moan (53) hat Fourtet auf dieser Erfindung eines des größten Start-ups Frankreichs aufgebaut: Sigfox gilt als Wegbereiter des Internets der Dinge, was gern mit der PR-Kreation "Industrie 4.0" vermengt wird. In einem Vorort von Toulouse beschäftigen die Franzosen mittlerweile 350 Menschen.

Fourtet und Le Moan entwickeln nicht nur die Funkmodule, Kernstück ihres Systems ist ein globales Netz, das einmal Signale von Milliarden Minisendern an Wasseruhren, Kühen oder Herzschrittmachern empfangen soll. Das Ausrollen der Infrastruktur ist dank der hohen Reichweite vergleichsweise günstig, auf dem Land schaffen die Sender bis zu 50 Kilometer. Für Frankreich waren laut Le Moan Investitionen von bloß zehn Millionen Euro nötig.

Große Teile Europas und der USA sind bereits abgedeckt, Sigfox steht damit in direkter Konkurrenz zu großen Playern wie der Deutschen Telekom oder Vodafone, die mit eigenen Schmalbandnetzen nachgezogen haben. Angesichts der mächtigen Konkurrenz hielten Investoren die beiden Gründer zunächst für größenwahnsinnig, mittlerweile sind die spanische Telefónica, SK Telecom (Südkorea) und NTT (Japan) selbst an dem Start-up beteiligt. Sigfox sammelte zuletzt im November 150 Millionen Euro ein, die Bewertung stieg damit auf kolportierte 600 Millionen Euro.

DasStart-up ist die Wette auf eine Zukunft, in der Autos, Menschen oder Toaster pausenlos Positionsdaten, Herzschlag oder Oberflächentemperatur ins Netz speisen, was mit herkömmlichen Handynetzen viel zu aufwendig und damit teuer wäre. Die Lösung sollen zusätzliche Schmalbandnetze sein, wie sie auch die Telekom gerade in Europa ausrollt. Der digitale Bienenstock, den CEO Timotheus Höttges auf der Cebit Angela Merkel vorführte, sollte dafür Werbung machen.

Sigfox hat im Vergleich zur Technologie der Konzerne zwei große Vorteile: Das System ist unkompliziert und sehr günstig. Auf teures Funkspektrum kann Sigfox verzichten, pro Sendevorgang schicken die Module nur wenige Bytes an die Empfangsstationen. Das schränkt die möglichen Anwendungsfälle ein, reicht aber für GPS-Koordinaten oder das Signal, dass jemand einen bestimmten Knopf gedrückt hat. Der Energiebedarf ist gering, schon Körperwärme soll bald ausreichen, um den nötigen Strom zu produzieren.

Die Effizienz drückt den Preis, die Franzosen verkaufen ihre Module für ein bis zwei Euro das Stück, die Jahresnutzungsgebühr kann je nach Abnahmemenge auf bis zu 50 Cent sinken. Die Gründer setzen bei ihrem Geschäftsmodell voll auf den Zauber der Skalierung.

Viele Industriekunden zögerten bislang, sie waren unsicher, welche Technologie sich durchsetzt. Das beginnt sich zu ändern: Securitas nutzt Sigfox bereits für Millionen von Alarmanlagen. Auch mit Bosch gibt es eine enge Kooperation.

CEO Le Moan, satt gebräunt, in weißem Poloshirt und Laufschuhen, sagt, dass er nach dem ersten Treffen mit Fourtet kaum geschlafen habe. Dem Computerwissenschaftler rasten immer neue Ideen durch den Kopf, er glaubt fest daran, dass bald jeder Türknauf mit dem Internet kommunizieren wird.

Le Moan dreht mächtig auf, wenn er die Vorteile der Sigfox-Technologie aufzählt. Deutsche Telekom und Co. seien zu "arrogant", um zu begreifen, dass sich die Systeme ergänzten.

2016 nannte ihn Emmanuel Macron, damals noch Wirtschaftsminister, einen "patriotischen Unternehmer", für den der "Zynismus nicht existiert". Der Technologienation Frankreich kommen Typen wie Le Moan gerade recht. Er und sein Kumpel Frédéric Mazzella, Gründer der Onlinemitfahrzentrale Blablacar, sind rare Vorbilder für "La French Tech".

Im vergangenen Jahr setzte Sigfox gut 32 Millionen Euro um, im vierten Quartal 2018 wollen Fourtet und Le Moan keine Verluste mehr machen. Ihr Netz soll dann 30 weitere Länder abdecken - ein sehr ambitionierter Plan. Dass die Investorengelder bis dahin ausreichen, können sie nicht versprechen. Vorsorglich trommeln sie deshalb schon einmal für einen Börsengang. Der ist für nächstes Jahr geplant.

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