31.08.2018 
Behörden

Bundesnetzagentur - die Kammer des Schreckens

Von
picture alliance / dpa

Ob bei Energie oder Telekommunikation - ohne die Bundesnetzagentur läuft gar nichts mehr. Vielen Konzernen gilt sie als Feindbild. Ein Report über Deutschlands mächtigstes Amt.

Die folgende Geschichte stammt aus der Juni-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Mai erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Jochen Homann (64) scheut auch die ungeheuren, die höllischen Vergleiche nicht. Auf einer Tagung kommunaler Unternehmen wurde der schlanke Mann mit der Brille und den nach vorn gekämmten Haaren eingeführt mit: "Jetzt bekommt das Wort der leibhaftige ... (dramaturgische Pause) ... Präsident der Bundesnetzagentur." Seither benutzt Homann, ein Fan des subtilen Humors, die teuflische Analogie selbst: "Hier kommt der Leibhaftige ..."

Er empfängt an symbolträchtigem Ort. Die Bundesnetzagentur siedelt in Haus 4 am Tulpenfeld, in einem kastenförmigen Hochhaus, das zu Zeiten der Bonner Republik von Bundestagsabgeordneten belegt war. Gut 2900 Beschäftigte arbeiten für die Behörde, die aus dem verblichenen Postministerium hervorgegangen ist.

Immer mehr unangenehme, konfliktbeladene Aufgaben hat die Politik an die Agentur abgegeben, so ist sie zum mächtigsten Amt der Republik mutiert. Sie bestimmt die industriellen Standards für die Energie- und Digitalwende, die zentralen GroKo-Wirtschaftsprojekte, diktiert die Entgelte und Gebühren und steuert so die Profitabilität von Großunternehmen wie Deutsche Telekom, Post, Bahn oder Eon, die 2017 zusammen rund 37 Milliarden Euro Gewinn erwirtschafteten.

Entschieden wird über alle Fragen der Regulierung in den Beschlusskammern. Die arbeiten wie Gerichte, hören an und verfügen. Selbst für die Sorgen der Verbraucher und den Datenschutz ist die Agentur zuständig. Kommt ein Brief zu spät, gibt es Ärger beim Wechsel des Internetanbieters, sind Stromrechnungen fehlerhaft: Ein Anruf genügt. Zuletzt stoppten die Bonner digitale Kinderuhren, weil Eltern damit beim Unterricht mithören könnten.

Die Netzagenten werden gefürchtet. Vielen Managern gilt die Behörde inzwischen als Kammer des Schreckens. Dabei will Homanns Truppe eigentlich nur den Marktbeherrschern das Abkassieren austreiben. Ihr Job ist es, für Wettbewerb und niedrige Preise zu sorgen.

Ihr Auftrag begann 1998 bei Post und Telekommunikation, später folgten die Energie und die Bahn. Und seit 2012 sind die Beamten auch noch Planer: Sie sollen garantieren, dass die Stromnetze zügig ausgebaut werden, damit diese bei steigender Einspeisung von Wind- oder Sonnenkraft nicht kollabieren. "Wir haben uns von einer technischen Behörde entwickelt zu einer, die im Spannungsfeld zwischen Politik und Wirtschaft agiert", sagt Homann, "immer beide Seiten im Blick."

Die Manager in den Chefetagen reiben sich derzeit vor allem an Bürokraten wie: Dommermuth, Friedhelm (59).

Der Mann mit Dreitagebart und listig-lustigem Blick stammt aus dem mittelrheinischen Bad Hönningen, kann die regionale Sprachmelodie ("Hier sehn Se dat Siebenjebirje") nicht verbergen. Er ist von Beginn an dabei, leitet seit 17 Jahren die wichtige Abteilung Telekom-Regulierung (90 Leute). Und hilft bei der ständigen Erweiterung kräftig mit. Die neue Beschlusskammer 11, die Streit ums Glasfaserkabel schlichten soll, hat er aufgebaut, "nebenbei", wie er vermerkt. Geleitet wird sie heute von Cara Schwarz-Schilling, Tochter des ehemaligen Postministers - ein seltener Fall von vererbter Regulierung.

Die heißeste Telko-Nummer zurzeit ist der Mobilfunk der nächsten Generation (kurz: 5G). Die Netzagentur soll die Frequenzauktion organisieren, unter anderem Stückelung und Auflagen festlegen. Der Bund hofft auf zweistellige Milliardeneinnahmen, die Branche möchte am liebsten gar nichts zahlen und dafür eine möglichst flächendeckende Versorgung garantieren. Eine teure und heikle Angelegenheit, über die am Ende Chef Homann, respektive die Präsidentenkammer, befinden wird. Und danach die Gerichte.

Das Zerwürfnis gehört zur Regulierer-DNA wie der abzuzeichnende Vorgang.

"Es geht nicht immer harmonisch zu", erklärt Dommermuth, "wer hier arbeitet, muss auch Konflikte aushalten." Ab und an provoziert er Stirnrunzeln ob der Namensgleichheit mit Ralph Dommermuth (54), Besitzer des Telekom-Widersachers 1&1. Aber er ist: nicht verwandt, nicht verschwägert.

Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht auch dieser Mann: Zerres, Achim (57).

Der Bonner hat sich im Laufe seiner zwölfjährigen Dienstzeit den Ruf des Mr. Energy erworben. Zerres hat für Homanns Vorgänger Matthias Kurth (66) die Konzepte zur Regulierung von Strom und Gas geschrieben, als Stabschef war er dessen wichtigster Mann. Heute lenkt er die Abteilung Energieregulierung, befehligt 209 Leute. Er arbeitet mit den Händen, wenn er langsam und bedächtig - doziert. "Es passiert kaum etwas in der Energiewelt, das nicht auch über meinen Schreibtisch geht", sagt er.

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