15.02.2018  Berndt Schmidt, Chef des Friedrichstadt-Palasts

Der Theater-Sanierer

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Die Berlinale walzt durch die Hauptstadt. Einen Teil ihres Programms feiert sie im Friedrichstadt-Palast. Deren Chef Berndt Schmidt erklärt im Interview, wie er das jahrelang darbende Haus saniert hat.

Er ist Intendant, Geschäftsführer und Produzent des Friedrichstadt-Palasts Berlin. Gekommen als Retter in der Not, ist Berndt Schmidt mittlerweile höchst erfolgreich.

manager magazin: In den 20ern, als viele Not litten und wenige ihren Reichtum vulgär zur Schau stellten, tanzte das Revuetheater bis zum Umfallen. Ist es wieder so weit?

Berndt Schmidt: Wir sind 1919 geboren auf dem Vulkan, und dort sind wir heute wieder, obwohl es den meisten Menschen materiell so gut geht wie nie. Revue ist eine Flucht aus der Realität. Bei uns geht es um die Ode an die Freude, es regiert das Bunte, die Menschen auf der Bühne tun den Zuschauern gut.

Obwohl der Friedrichstadt-Palast vom respektierten Regisseur und Intendanten Max Reinhardt gegründet wurde, rümpft das Feuilleton die Nase. Nervt Sie das?

Bei dem Treffen der deutschen Theaterintendanten fühlte ich mich anfangs wie eine Revuetänzerin im Vatikan. Im klassischen Theater sieht man den Menschen in seiner Vergeblichkeit, Schlechtigkeit, Verzweiflung. Mittlerweile setzt sich die Erkenntnis durch, dass unser Angang auch nicht schlecht ist. Revue war früher stets State of the Art, da wollte ich wieder hin.

Sie wurden 2007 als Retter in der Not geholt, damals galt für Berlin noch das Schönheitsideal "Arm, aber sexy". Jetzt haben die Immobilienhaie das Sagen. Haben Sie Angst, dass es bräsig wird?

Ich bin ständig nervös, und was mich richtig fertigmacht, ist der Erfolg.

Und das sollen wir glauben?

Ja, weil's stimmt. Ich war früher viel als Sanierer und Interimsmanager tätig, die Selbstgerechtigkeit in der Szene ist groß. Ich weiß aber: Was wir heute machen, ist in ein paar Jahren schon falsch. Deshalb versuche ich, die Veränderungsbereitschaft hochzuhalten. Das nervt einige.

Sie haben den Untergang abgewehrt, die Zuschauerzahlen verdoppelt. Dennoch ist Ihr Haus vom Renommee eines Tropicana oder Moulin Rouge weit entfernt.

Beides sind Legenden, das Moulin Rouge auch dank des wundervollen gleichnamigen Hollywoodfilms.

Das Tropicana hat sogar Fidel Castro überlebt, am Friedrichstadt-Palast blieb lange der Mief von Erich Honecker kleben.

Unsere Shows brauchen die Konkurrenz nicht zu scheuen. Ja, das Flair im Tropicana ist einzigartig, aber die knappen Outfits sind völlig aus der Zeit gefallen. Schlicht uninspiriert.

Sie lassen die Tänzerinnen schon mal bis zur Halskrause zuknöpfen, von Jean Paul Gaultier etwa, dem einstigen Enfant terrible der Modewelt. Inszeniert man Sexiness heute so?

Das ist eine Geisteshaltung. Es geht um innere Tiefe, Ausstrahlung und Können. Zu sehen, wie ein artistischer Körper arbeitet, ist großartig. Raffinesse kann auch sexy sein. Ein Schlitz im Kleid ist für mich aufregender als eine Tänzerin ohne Kleid.

Heißt es nicht immer: Sex sells?

Dieses plumpe Geschäftsmodell würde meine Intelligenz beleidigen.

Die AfD haben Sie per offenem Brief verurteilt. Werden Sie jetzt auch noch politisch?

Unser Gründer Max Reinhardt und sein Assistent Erik Charrell waren Verfolgte des Naziregimes. Wenn mir jemand mit Rassismus und Herrenmenschendenken kommt, hört es für mich auf. Damit hat es sich nämlich schnell ausgetanzt auf dem Vulkan.

Noch können Sie sich über mangelnden Zuschauerandrang nicht beschweren.

Am Theater ist man abergläubisch. Unsere Glückssträhne währt schon ungewöhnlich lang. Und es ist nicht so, dass ich den Dreh raushabe. Alles hier ist harte Arbeit, Fleiß und Glück.

Bekommt man im Intendantenzimmer überhaupt mit, was die Leute da draußen bewegt und was sie wollen?

Ich bin ein sensibler Mensch, habe also durchaus Antennen für Veränderungen.

Erfolgreiche Chefs sind zumeist rüde, nicht sensibel.

Ich habe Menschen immer gut lesen können, das hilft, wenn man mit Künstlern redet. Manager versuchen oft, angst- oder respekteinflößend zu sein, das wäre in meiner Branche äußerst nachteilig.

Sie sind Geschäftsführer, Intendant und Produzent, also zuständig für die Kohle und das Kreative. Was ist im Zweifel wichtiger?

Ich habe eine Doktorarbeit über Führung geschrieben und hätte damit auch zu McKinsey gehen können. Ich denke gern strategisch und erfreue mich an Künstlern. Wenn mir einer was erzählt, weiß ich schnell, ob das funktioniert. Dann schaffe ich auch das Geld herbei.

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