12.03.2018 
Nach dem Masterplan von Eon und RWE

Was diese Frau mit Deutschlands Atom-Milliarden vorhat

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Anja Mikus soll für Deutschland die Atom-Altlasten zumindest finanziell beherrschbar machen.
Arabesque
Anja Mikus soll für Deutschland die Atom-Altlasten zumindest finanziell beherrschbar machen.

Zur Finanzierung der nuklearen Altlasten darf Anja Mikus 24 Milliarden Euro anlegen, das sie unter anderem von Eon und RWE bekommt. Sie will das möglichst ökologisch tun, aber auch nach allen Regeln der Kunst. Ein interessantes Experiment auch für Privatanleger.

Die folgende Geschichte stammt aus der Februar-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Januar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Der Flur des Bundeswirtschaftsministeriums versprüht an diesem Nachmittag kurz vor Weihnachten das Flair eines historischen Museums. Unter einem Schild mit der Aufschrift "Zeiterfassung nicht vergessen" glänzen die Holzböden wie frisch gebohnert, ein Reinigungswagen wartet darauf, noch mal durchzufeudeln. Alle Bürotüren sind geschlossen. Anja Mikus (59), die 30 Jahre lang in Stuttgart, München und Frankfurt für große Geldverwalter gearbeitet hat, kann sich an diese Grabesruhe einfach nicht gewöhnen. Mitte Juni ist sie angetreten, den sogenannten Atomfonds aufzulegen, den ersten großen deutschen Staatsfonds.

24,1 Milliarden Euro soll Mikus so verwalten, dass mit dem Geld die Zwischen- und Endlagerung des deutschen Atommülls finanziert werden kann, bis zum Ende des Jahrhunderts. Die Summe stammt von den Versorgern Eon , RWE , EnBW und Vattenfall , die nach dem Reaktorunfall in Fukushima von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Turboausstieg aus der Kernenergie gezwungen wurden.

Bislang sind Mikus und ihre Staatsfondstruppe zu acht hier, ein Start-up mitten unter Ministerialbeamten. Das Team lässt die Bürotüren offen stehen, damit wenigstens etwas Leben in die Bude kommt. Es gab schon erste Beschwerden. Aber Unruhe zu stiften ist Teil von Mikus' Strategie. "Wir wollen gehört werden", sagt sie. "Zumindest wenn es um Nachhaltigkeitskriterien im Investmentprozess geht."

Womit wir beim Konzept wären: Mikus legt höchsten Wert auf eine soziale und ökologische Ausrichtung ihrer Kapitalanlage. CEOs werden viele Fragen beantworten müssen, wenn sie Geld vom "Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung" erhalten wollen. Die Fondsmanagerin darf das ihr anvertraute Vermögen breit und global streuen, in Aktien, Anleihen, aber auch Immobilien oder hochspekulative Wagniskapitalfonds und Firmenbeteiligungen. Gerade erst war ein Hedgefonds-Grande zum Rapport in der Scharnhorststraße.

Einen kleinen Teil des Vermögens muss sie wegen der Auszahlungsverpflichtungen in Zinspapiere anlegen. Mit dem großen Rest darf ihr Team, das bis Ende 2018 auf rund 25 Experten anwachsen soll, wegen des langen Anlagehorizonts von 80 Jahren laut Mikus "viele interessante Investmentmöglichkeiten nutzen".

Der Ansatz ist für Deutschland geradezu revolutionär. Die Atomfonds-Chefin will beweisen, dass sich auch im Stammland der Pfandbriefe, Sparbücher und Bundesanleihen hohe Rendite erzielen und hochtrabende Pläne umsetzen lassen. So wie das die Staatsfonds aus Norwegen, den Niederlanden oder Singapur seit Jahrzehnten vormachen. 4,58 Prozent Rendite soll Mikus langfristig jährlich erwirtschaften, auf das Grundkapital von 17,9 Milliarden Euro. Bezieht man die zusätzlichen 6,2 Milliarden Euro mit ein, die sie als Risikopuffer im Portfolio hält, sinkt das Profitziel auf 3,3 Prozent über die gesamten 24,1 Milliarden Euro. Viele der gut 200 deutschen Pensionskassen und Versorgungswerke scheitern schon an der 2-Prozent-Marke.

In kaum einem Land der Welt legen die Bürger so viel Geld zurück und verfügen trotzdem über ein so geringes Nettogeldvermögen. Die Deutschen kommen nicht mal auf 50.000 Euro pro Kopf, weniger als Italiener, Franzosen, Dänen, Briten, Niederländer, Schweden und Schweizer sowieso (175.000 Euro). Der Exportweltmeister verdient sich dumm und dämlich - und vernichtet die Überschüsse dann durch eine ebensolche Anlagestrategie. Gerade mal 3 Prozent Rendite erzielten die Deutschen laut Allianz Global Wealth Report mit ihrem Geldvermögen zwischen 2012 und 2016, in den meisten anderen Euro-Ländern fuhren die Bürger 5 Prozent ein.

Warum also sollte nun ausgerechnet Mikus gelingen, was vor ihr niemandem vergönnt war? Zumal sie kontrolliert wird von Leuten, die dem deutschen Volk quasi aus der Seele sprechen.

Vom Grundsatz her mag Mikus' Performanceziel durchaus realistisch sein. Sie hat kluge Ratgeber um sich versammelt. Dem fünfköpfigen Anlageausschuss sitzt Ex-Allianz-CFO und Münchener-Rück-Aufsichtsrat Maximilian Zimmerer vor, ebenfalls dabei der Investmentbanker Martin Korbmacher (ehemals Dresdner Bank und Credit Suisse) und der schwedische Pensionsfondsveteran Mats Andersson. Falls 70 bis 80 Prozent des Risikokapitals in Aktienfonds investiert werden, wie ein Ausschussmitglied erwartet, sind über den langen Anlagezeitraum ordentliche Renditen fast garantiert.

Renditepotenzial mit Ökofilter
Die Top-Investments des früheren Fonds von Anja Mikus - die Aktien müssen zu den ökologisch und sozial verantwortungsvolleren 75 Prozent der Börsenunternehmen gehören
Name ISIN Kurs-Gewinn-Verhältnis 20182 Dividenden-rendite 20182, in % Gewinn-entwicklung 20173, in % Kurs-entwicklung 20173, in % Beschreibung
A. O. Smith Corporation / USA 26,4 1,0 15,4 23,6 Produziert Wasserkocher, hohes Energiesparpotenzial
AAC Technologies / CN 20,5 1,8 29,6 49,0 Handykomponenten
Aena SME / ES 21,2 2,9 39,7 23,0 Betreibt weltweit Flughäfen
Amadeus IT Group / ES 25,5 1,8 20,7 6,1 IT-System für Flugreservierung
Big Lots / US 13,5 1,7 7,0 25,5 Groß im US-Heimdekormarkt
Burlington Stores / US 29,1 - 43,5 50,6 US-Billigmodekette
Caterpillar / US 20,3 2,0 - 36,5 Baumaschinen
The Children’s' Place / US 19,7 1,1 76,8 45,6 Preisgünstige Kleidung für Kinder bis zwölf Jahre
Comerica / US 15,3 1,5 -8,4 62,8 US-Bank, bekannt für gutes Kreditrisikomanagement
D.R. Horton / US 15,4 0,9 17,2 32,2 US-Leader im Eigenheimbau
DSV / DK 23,9 0,5 -18,9 15,6 Margenführer in der Logistik
Essent Group / BM 11,5 - 41,5 47,9 Hypothekenversicherer
Garmin / CH 20,2 3,5 12,0 31,1 Marke für Fitness-Tracker
The Home Depot / US 26,0 1,9 13,5 10,0 Größte US-Baumarktkette
Infineon Technologies / DE 25,7 1,1 6,2 34,2 Chiphersteller
Inogen / US 80,3 - 77,1 67,6 Tragbare Sauerstoffgeräte
Insperity / US 22,5 1,1 67,5 47,4 Outsourcing-Personaldienst
Lear Corporation / US 10,5 0,9 30,8 7,8 Autositze und -elektronik
Marvell Techn. Group / BM 19,3 1,0 - 70,5 Funkchips für Roboterautos
Mettler-Toledo International / US 32,0 - 8,9 23,4 Präzisionswaagen für Labore, profitiert vom Biotechboom
MSCI / US 28,2 1,2 16,6 9,2 Indexlizenzanbieter, profitiert vom ETF-Boom
Neste Oyj / FI 16,7 3,1 68,3 32,1 Biokraftstoff (50 Prozent/Ebit)
The PNC Fin. Serv. Group / US 14,7 2,2 -4,9 22,7 Zinsanstieg hilft der Filialbank
Ross Stores / US 25,0 0,8 9,5 16,1 „"Dress for less"“ ist der Slogan
RPC / US 16,5 1,4 -41,9 65,8 Ölförderservices, u. a. Feuerwehr für Bohrplattformen
Sandvik / SE 18,5 2,4 145,1 52,2 Werkzeuge, Bohrer, Stahl
Straumann / CH 38,7 0,8 224,8 30,3 Zahnimplantate
TE Connectivity / CH 19,0 1,6 -16,2 29,0 Stecker und Sensoren
Visa / US 28,8 0,6 11,8 27,3 Kurs verdoppelt seit IPO 2008
Weibo / CN 44,3 - 210,9 108,2 Mikroblogging-Dienst in China
1| Topholdings des Arabesque Systematic
2| Durchschnittsschätzung der bei Bloomberg erfassten Analysten
3| jeweils letztes Geschäftsjahr
Quelle: Arabesque, Bloomberg, Unternehmen

Doch was, wenn die Börsen kurzfristig einbrechen und das mächtige Kuratorium nervös wird? Was bleibt dann von dem hehren Staatsfondsanspruch? Die Erfahrungen sind da eher ernüchternd.

An Mikus soll es nicht liegen. In ihrem Leben war sie oft vorn mit dabei: als eine der wenigen Frauen im Aufsichtsrat eines Dax-Unternehmens (seit 2015 kontrolliert sie für den Bund die Commerzbank ) oder als eine der Ersten in der Führung großer deutscher Fondsgesellschaften. Zunächst bei der Allianz , wo die gebürtige Kasselerin in den 90ern zu einem Anlagestar aufstieg und die Titelseiten der Börsenmagazine zierte, später als Chief Investment Officer bei Union Investment. Die Fondstochter der Volksbanken ist bekannt dafür, öffentlich aufzubegehren, wenn ihr der Kurs von Konzernbossen nicht passt. Diesen rebellischen Geist will sich Mikus auch beim Atomfonds erhalten.

Sie gilt seit Langem als Verfechterin grüner Geldanlage. Die Erderwärmung treibt Mikus derart um, dass sie 2012 bei Union kündigte und zur Investmentboutique Arabesque wechselte. Dort baute sie mit dem Ex-Barclays-Investmentbanker Omar Selim einen daten- und computerbasierten Fonds auf, der streng nach ökologischen und sozialen Kriterien sortiert und auf gute Unternehmensführung achtet ("Environmental, social, governance", ESG).

So will Mikus nun auch beim Atomfonds vorgehen. Zusammen mit Nachhaltigkeitsexpertin Berenike Wiender, die vom Stifterverband kommt, hat sie drei Ratinganbieter gefunden, die weltweit Unternehmen auf ihre Nachhaltigkeit hin durchleuchten: Sustainalytics, MSCI und RepRisk. Um Fehlurteile zu vermeiden, legt der Atomfonds die Schnittmenge aus allen Bewertungen zugrunde. Ziel ist, stringenter als je zuvor ein Destillat der besten 75 Prozent herauszufiltern.

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