10.07.2017 
Die Masche mit den Miet-Büros

Wer das 17-Milliarden-schwere Start-up WeWork lenkt

Von
 Coworkers-Gründer Adam Neumann (oben) und Miguel McKelvey
Ole Schleef für manager magazin
Coworkers-Gründer Adam Neumann (oben) und Miguel McKelvey

Mit seinen Büros will das 17 Milliarden Dollar schwere Start-up WeWork jetzt Asien erobern.

Das folgende Porträt stammt aus der Januar-Ausgabe 2017 des manager magazins.

Die Zentrale von WeWork in Manhattans Flatiron District funktioniert wie ein Showroom - eine der Filialen des Start-ups ist direkt an die Firmenbüros angedockt.

Die Kunden, die hier "Mitglieder" heißen, blicken auf Motivationsphrasen wie "Can you kick it? Yes you can!", während sie mit MacBooks auf Designersofas kauern. An der Bar nehmen die jungen, oft sehr stilbewussten WeWorker nachmittags einen Espresso, abends wird Freibier gezapft. Eine Mischung aus Agenturästhetik und Start-up-Klischee. Mehr Privatsphäre versprechen Einzelbüros und abschließbare Flure, die von Firmenkunden gebucht werden können.

"Die meisten Menschen müssen leider in einer elenden Umgebung arbeiten", sagt Co-Gründer Miguel McKelvey. "Wir lösen dieses Problem."

McKelvey (42), ein bärtiger Hipster aus Oregon, und sein Partner Adam Neumann (37), ein Israeli, der im Kibbuz aufwuchs, haben sich das lose Millennial-Konzept "Coworking" - also Selbstständige, Start-ups und kleine Firmen, die sich ein Büro teilen - zu eigen und daraus ein globales Geschäft gemacht. Investoren bewerteten die 2010 gegründete Firma zuletzt mit 16,9 Milliarden Dollar, WeWork ist das neuntteuerste Start-up der Welt.

Dabei kommt das Geschäftsmodell der New Yorker vergleichsweise analog daher. Für Ende Dezember rechnet die Firma mit knapp 90.000 Mitgliedern, die, je nach Standort und Modell, bis zu 2000 Dollar im Monat für einen Arbeitsplatz zahlen. Anfang November öffnete die hundertste Filiale am Hackeschen Markt in Berlin. Etwa 30 Prozent der Schreibtischplätze sollen mittlerweile von großen Firmenkunden wie HSBC , IBM oder Spotify belegt sein.

Artie Minson (45) glaubt an das ganz große Geschäft - auch für sich persönlich. Der Finanzchef tauschte ein zweistelliges Millionensalär bei Time Warner 2015 gegen eine Beteiligung an WeWork. Minson vergleicht das Konzept mit den Filmen und Serien, die das dröge Kabelgeschäft seines Ex-Arbeitgebers erst zur Blüte brachten: "Wir veredeln das Büro mit einer Zusatzschicht, die Kreativität und Zusammenarbeit fördern soll. WeWork muss Spaß machen."

Egal, ob San Francisco, Peking oder Paris - ein Arbeitstag in einer WeWork-Filiale soll sich anfühlen, als würde man nach Hause kommen. Designer passen die Niederlassungen regional an, etwa durch große Fahrradständer in Amsterdam oder chinesische Glücksphrasen an der Wand in Peking. WeWork bietet seinen Mitgliedern eine App, über die sie sich mit ihren Büronachbarn vernetzen können, lokale Veranstaltungen sollen bei den Einzelkämpfern Gemeinschaftsgefühle wecken.

Immobilien als skalierbares Lifestyleprodukt - diese Idee steht auch hinter der Zusatzlinie "WeLive", unter der das Start-up möblierte Appartements in New York und Washington vertreibt. Miguel McKelvey spricht von einer "holistischen" Vision für sein Unternehmen: eine flexible Heimat plus Arbeitsplatz für die globalisierte Klasse der Digitalnomaden.

Im Herbst schlossen die Gründer die letzte Tranche einer 690 Millionen Dollar schweren Finanzierungsrunde ab. Das frische Risikokapital soll die Expansion in Südamerika und Asien befeuern. Im Januar traf sich CEO Neumann mit Indiens Premier Narendra Modi, als Investoren holte er lokale Größen wie die Shanghaier Hotelgruppe Jin Jiang International dazu.

2017 soll der Börsengang folgen - auch wenn WeWork offiziell keinen Zeitpunkt nennen möchte. Start-ups mit Milliardenbewertung fiel es zuletzt immer schwerer, neue Gelder aufzutreiben. Ein kapitalintensives Geschäft wie das von WeWork dürfte schon bald Nachschub nötig machen, Mieten und Möbel zehren am Kontostand. Kritiker halten das Geschäftsmodell zudem für wenig rezessionstauglich. Was, wenn eine schwache Konjunktur wie üblich rasch auf den Markt für Büroimmobilien durchschlägt? WeWorks Mietverträge sind lang, die Kündigungsfristen der Mitglieder kurz.

Intern sollen die Gründer im Frühjahr bereits zur Sparsamkeit aufgerufen haben, WeWork hatte seine besonders aggressiven Wachstumsziele verfehlt. Dabei sind selbst die nach unten korrigierten Zahlen noch beeindruckend: Weltweit sollen zuletzt rund 10.000 neue Schreibtischplätze im Monat entstanden sein.

Miguel McKelvey betont, man habe schon immer "auf jeden Dollar" geachtet, und CFO Minson hat längst ein klares Ziel: "Wir haben keine Angst vor der Börse."

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