11.01.2010 
Opel

Schleudertrauma

Von und

Arbeiterführer Klaus Franz hat mit dem gescheiterten Magna-Deal eine schmerzhafte Niederlage einstecken müssen. Was kann der heimliche Opel-Chef jetzt noch gegen den ungeliebten Mutterkonzern General Motors ausrichten?

Die Begegnung fand in einer Atmosphäre statt, wie man sie aus Abrüstungsverhandlungen in der Ära des Kalten Krieges kennt: sachlich, nüchtern, angespannt. Als sich Fritz Henderson (51), in dem Moment noch GM-Chef, und Opel-Betriebsrat Klaus Franz (57) am 10. November in Rüsselsheim gegenübersaßen und zweieinhalb Stunden über Autos, Geld und Jobs redeten, da wurde "kein einziger Witz" gemacht, erinnert sich Franz. Was beide, man ist seit Jahren miteinander bekannt, wohl insgeheim bedauerten. Aber so frostig sind nun einmal die Zeiten seit jenem Opel-historischen 3. November anno 2009.

An diesem Tag entschied der US-Board von General Motors, seine Tochter Opel doch nicht verkaufen zu wollen. Eigentlich sollte die Mehrheit des deutschen Autobauers an ein Konsortium um den kanadischen Autozulieferer Magna abgegeben werden. Dachten alle, hofften viele - Franz vor allem. Die Nachricht, die ihn um 21 Uhr erreichte, sei deshalb "ein Schock" gewesen, dessen Nachwirkungen nun eben auch Henderson, zum Beschwichtigungstermin angereist, zu spüren bekam.

Ausgerechnet Henderson. Der hatte sich im Führungsgremium des US-Autobauers, der nach wie vor am Staatstropf hängt, für einen Opel-Verkauf stark gemacht. Aber dann musste er seine Beschlussvorlage wieder einpacken. Diesem Fiasko folgte für ihn wenig später die nächste Schmach. Anfang Dezember setzte sich Chefaufseher Ed Whitacre (68) persönlich an die Konzernspitze. Henderson musste gehen.

Wider Erwarten hatten sich die Falken durchgesetzt. Jene, die immer schon mit stolzgeschwellter Brust ihre Meinung in den Kfz-Orbit gekräht hatten: GM baut, wenn vielleicht nicht mehr die besten, aber doch die größten und dicksten Autos der Welt. Devise: "Big is beautiful." Und "America first" sowieso.

Bei einem Dinner am Vorabend des Treffens war die Stimmung im Board gekippt. Vor allem zwei Männer aus der Finanzbranche hatten dafür geworben, Opel zu behalten: David Bonderman (66), Chef des Finanzinvestors TPG Capital , sowie der Unternehmensberater Stephen Girsky (47). Warum, so fragten sie, sollte GM den wichtigen europäischen Markt preisgeben? Die Bundesregierung hatte Opel vor der Pleite bewahrt. Jetzt fühlten sich die Amerikaner stark genug, die Tochter allein durchzufüttern.

Das alles diente Klaus Franz am anderen Ufer des großen Teichs vielleicht als Erklärung, zum Trost gereichte es ihm nicht. Seine Mission, Opel bei Magna in Sicherheit zu bringen, war krass gescheitert. Einen Plan B hatte er nicht. Ja, man habe "diesen ersten Kampf" um "Free Opel" - er benutzt diesen Begriff tatsächlich - nicht gewonnen. Aufgeben will er deshalb noch lange nicht. "Der Kampf geht weiter, und ich steh' vorne dran", bellt er den 10.000 Opel-Werkern am 5. November auf einer Demonstration in Rüsselsheim entgegen: "Weil ich euch hinter mir weiß." Artig applaudieren die Opelaner: dem Vorsitzenden ihres Gesamtbetriebsrats, dem obersten Arbeiterführer in Rüsselsheim, Deutschland und Europa - im Grunde huldigen sie dem wahren Opel-Chef.

Ohne und gegen Klaus Franz ging in der Vergangenheit nichts bei Opel und wird künftig erst recht nichts gehen. Ein erstes Zeichen setzte er bereits. GM wollte Board-Mitglied Bob Lutz (77) zum neuen Chef des Opel-Aufsichtsrats berufen. Franz wollte Lutz nicht. Er setzte sich durch. Der Franz genehme Walter Borst (48) wurde Chefaufseher.

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