14.07.2017  Moderne Mitarbeiterführung

Management by Fernsteuerung

Von Eva Müller
Getty Images

Rund um die Welt verteilte Teams, ständig wechselnde Mitarbeiter - in der digitalen Welt hat Führung nach dem Befehlsprinzip ausgedient. Andere Chefqualitäten sind nötig.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 3/2017 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Avas Lieblingsplatz ist der Stehtisch in der Kaffeebar. Dorthin rollt sie, wenn sie in Plauderlaune ist. Die Kollegen nennen den Roboter, der in der Steelcase-Zentrale der US-Möbelmetropole Grand Rapids seine Runden dreht, Gale-Bot. Denn gesteuert wird die wandelnde Videokonferenz von Gale Moutrey. Die Kommunikationschefin des Büroausstatters lebt in Toronto und jettet als Markenbotschafterin viel um die Welt. Mit ihrem elektronischen Alter Ego hält sie stets Kontakt zum Team.

Mal klopft sie virtuell im Büro eines Mitarbeiters an, mal taucht ihr Gesicht am Konferenztisch auf. In der Lounge-Ecke geht Ava in die Knie, damit Moutrey auf Augenhöhe mit den Kollegen auf dem Sofa sprechen kann. Die Chefin von 120 Mitarbeitern auf vier Kontinenten lobt ihren Hightechklon: "Die Kommunikation fühlt sich natürlich an." Ihr Team vergesse oft, dass man gar nicht in einem Raum vereint sei, sondern Tausende Kilometer voneinander entfernt.

An verschiedenen Orten gleichzeitig anwesend sein - davon träumen viele Führungskräfte. Denn die überwältigende Mehrheit aller Manager arbeitet heute mit Kollegen, die weit weg sind. Anweisungen zwischen Tür und Angel geben, alle mal schnell an den Konferenztisch holen - das geht nicht mehr.

Die Mitarbeiter betreuen über den Globus verstreut Kunden, forschen in Universitätslabors, sitzen an einem anderen Unternehmensstandort oder programmieren von daheim. Die Zusammensetzung von Arbeitsgruppen ändert sich so schnell wie deren Aufgabe - weil Kunden neue Bedürfnisse haben oder rasch andere Lösungen hermüssen. Nicht selten koordinieren sich die Mitglieder solch virtueller Teams selbst und haben gar keinen Chef.

Agil, eigenständig, global vernetzt - so sieht das Ideal aus

Agil, eigenständig, global vernetzt - so sieht es das Ideal des kreativen Wissensarbeiters in der digitalen Wirtschaftswelt vor. Doch die Realität ist noch häufig eine andere. Vor allem die Vorgesetzten fühlen sich verloren in der digitalen Berufswelt. "Mehr als 50 Prozent der Manager weltweit wissen nicht, wie sie ohne regelmäßige physische Anwesenheit effektiv führen können", sagt Sebastian Reiche von der IESE Business School.

Sie experimentierten zwar eifrig mit Chats oder Sharepoint, um Distanzen und Zeitzonen zu überbrücken, Kulturen und Arbeitsstile zu vereinbaren. Doch das hilft oft nicht viel. Selbst erstklassige Tools wie der Ava-Prototyp erzeugen bei falschem Einsatz eher zusätzliche Probleme. Da fressen Videokonferenzen unendlich viel Zeit, ohne Nutzen zu stiften; da werden Massen an Statusberichten und Reports angefertigt, die kaum einer liest.

Leitung aus der Ferne (neudeutsch: Remote Leadership) fordert den Vorgesetzten ganz neue Führungsqualitäten ab. Sie müssen mehr koordinieren, moderieren, motivieren und deeskalieren. Das alte Befehlsprinzip läuft bei virtuellen Teams zumeist ins Leere, der Chef als Kommandeur und Kontrolleur hat ausgedient. Und damit tun sich viele noch sehr schwer.

Den Trend kann das nicht aufhalten. Telekom-Chef Tim Höttges hat seinem Konzern das neue Führungsprinzip "Empower to perform" verordnet. Er will Mitarbeitern mehr Freiheit gewähren und erhofft sich davon, zusätzliches innovatives Potenzial freizusetzen.

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