08.05.2017  IT-Riese im Abwärtsstrudel

Little Big Blue - IBMs letzte Hoffnung heißt Watson

Von Eva Müller

Seit Jahren schrumpft der Umsatz der US-Tech-Ikone. Bringt Superhirn Watson jetzt nicht die Wende, muss CEO Virginia Rometty wohl gehen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 1/2017 des manager magazins, die Ende Dezember erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Für Virginia Marie Rometty (59), genannt Ginni, ist die Beherrschung der Welt nur noch eine Frage der Zeit. Ihre Computertechnologie werde in fünf Jahren "jede Entscheidung" auf diesem Planeten beeinflussen, verkündete die Vorstandsvorsitzende von IBM Ende Oktober auf ihrer Hausmesse in Las Vegas.

Die Aufgabe für IBMs Superhirn Watson ist klar, es habe "die größten Probleme der Welt zu lösen". In wenigen Jahren solle dieser Markt, Cognitive Computing genannt, sagenhafte zwei Billionen Dollar groß sein. Schon 2017 würden mehr als eine Milliarde Menschen die hauseigene "Moonshot"-Technologie nutzen, sagte Rometty.

Künstliche Intelligenz (KI) lautet das Zauberwort der Stunde. Ein Techie aus dem Silicon Valley hätte mit einem solchen Pitch durchaus Chancen auf eine lebenserhaltende Wagniskapitalspritze.

Doch IBM ist nun mal keine Neugründung mehr - auch wenn Rometty ihr Big Blue gern als "105 Jahre altes Start-up" bezeichnet. Denn dem Großkonzern mangelt es am wichtigsten Kriterium dieser Firmengattung - der Dynamik.

Statt zu wachsen, schrumpft der IT-Dinosaurier geradezu chronisch. Seit die Elektroingenieurin Anfang 2012 an die Konzernspitze rückte, sanken die Einnahmen aus dem Verkauf von Hochleistungsrechnern, Speichersystemen, Software, IT-Dienstleistungen und Beratung in 18 aufeinanderfolgenden Quartalen.

Zwar war unter Vorgänger Sam Palmisano der Umsatz auch schon nahezu stagniert. Doch lag er in dessen letztem Amtsjahr 2011 immerhin noch bei knapp 107 Milliarden Dollar. Nach fünf Jahren mit Rometty an der Spitze sind es nur mehr rund 80 Milliarden Dollar.

"Rometty ist der schlechteste CEO, den die Technologiebranche jemals hatte", lästert Steven Zolman, Gründer der US-Technologieberatung NetNet; männliche Kollegen und die bei HP brachial gescheiterte Carly Fiorina eingeschlossen. Ihm sei schleierhaft, wie sich die Informatikerin aus Chicago an der Spitze halten könne.

Dabei ist die Antwort ganz einfach: Gewinn. IBM verdiente zuletzt trotz stagnierender Margen immer noch rund 13 Milliarden Dollar pro Jahr.

Einen großen Teil dieses Profits verteilt die Vorstandschefin via Dividende an die Anteilseigner - allen voran an den Value-Investor Warren Buffett. Weil der Inhaber der Geldsammelstelle Berkshire Hathaway fast 8,6 Prozent von IBM besitzt und bislang stillhielt, muckte auch der Aufsichtsrat nicht auf. Rometty durfte weitermachen.

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