08.05.2017  IT-Riese im Abwärtsstrudel

Little Big Blue - IBMs letzte Hoffnung heißt Watson

Von Eva Müller

4. Teil: Große Industrie-4.0-Deals

Eine Tatsache, über die Harriet Green (55) geflissentlich hinwegsieht. Mit energischen Schritten durchmisst die Britin das 26. Stockwerk der Highlight-Towers im Münchener Norden. Der ehemaligen CEO des Reiseveranstalters Thomas Cook werden intern gute Chancen auf die Rometty-Nachfolge zugeschrieben.

Im Moment steigt die Leiterin des Bereichs Internet of Things (IoT) bei IBM allerdings über offene Kabelschächte und eilt an halb fertigen Präsentationswänden vorbei. Hier soll Anfang 2017 das neue Watson IoT-Center eröffnen und alsbald große Industrie-4.0-Deals generieren. Die Investitionen von drei Milliarden Dollar in das neue Watson-Segment sollen rasch starkes Wachstum schaffen.

Dass Big Blue der Wandel gelingt, steht für die studierte Wirtschaftspsychologin außer Frage. "IBM hat sich schon mehr als einmal neu erfunden." Dann ist ihr Vortrag nicht mehr zu stoppen: 6000 zahlende Kunden habe man schon für die Vernetzung der Dinge gewonnen. Gute Dienste leiste Watson bereits für die vorausschauende Wartung beim Aufzugshersteller Kone oder beim Zulieferer Schaeffler. Gerade habe sie einen Deal mit BMW unterzeichnet - Inhalt noch geheim. In jedem Fall sei Watson wirklich erstaunlich, genial, unschlagbar.

Auch Matt Candy (41), Europa-Chef der hauseigenen Digitalagentur IBM iX, schwärmt von dem Superrechner. So hat IBM für GM ein Watson-basiertes Entertainmentsystem namens "Onstar Go" fürs Auto gebaut. Was der Fahrer davon hat? Er kann seinen Lieblingskaffee am Armaturenbrett bestellen, die Tankrechnung bezahlen, ohne auszusteigen. "Wir denken die Erfahrung im Auto völlig neu", sagt Candy.

Rometty hat ihre Gefolgsleute auf den großen Hoffnungsträger Watson eingeschworen. Die Marketingmaschinerie läuft auf Hochtouren. Was auch immer der Konzern seit Anfang 2015 an Neuheiten zu verkünden hatte, sie bekamen das Label Watson aufgedruckt.

Selbst bei der Modegala im Metropolitan Museum of Art trat das Superhirn auf, virtuell zumindest: Das Model Karolina Kurkova stolzierte in einem mit 150 LED-Lämpchen bestückten Kleid über den roten Teppich. Die Farben, in denen sie leuchteten, berechnete Watson. Dazu analysierte er die Gefühle von Kurkovas Fans auf Basis ihrer Postings zur Gala im Netz: Freude ließ die Robe rosa erstrahlen, Aufregung wasserblau.

"Was Watson kann, ist wirklich spektakulär", konstatiert Ronnie Vuine, KI-Wissenschaftler und Gründer des Berliner Start-ups Micropsi Industries. Besonders in der Sprachverarbeitung sowie bei medizinischer Expertise oder bei Wettervorhersagen sei die Big-Data-Technologie nicht zu schlagen. Um diese Fähigkeiten auch mal praktisch anzuwenden, kaufte IBM den Gesundheitsdienst-Provider Truven für 2,6 Milliarden Dollar und den Tech-Teil der Weather Company für 2 Milliarden Dollar.

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