08.05.2017  IT-Riese im Abwärtsstrudel

Little Big Blue - IBMs letzte Hoffnung heißt Watson

Von Eva Müller

3. Teil: Vergebliche Mühen

manager magazin

Um Kosten zu reduzieren, stieß die CEO zudem wenig profitable Sparten ab. Das Geschäft mit Kleinservern reichte sie an den chinesischen Computerkonzern Lenovo weiter, an den Palmisano 2005 bereits die PC-Sparte verkauft hatte. Die Chips gingen für eine Mitgift von 1,5 Milliarden Dollar an Globalfoundries.

Weder Bilanzverkürzung noch Outsourcing brachten indes das erhoffte Plus bei Produktivität und Profit. Der Umsatz pro Mitarbeiter verringerte sich zwischen 1999 und 2015 um rund 20 Prozent, wie der Autor Peter E. Greulich nachweist, der bereits mehrere Bücher über IBM verfasst hat. Das Nettoergebnis pro Angestellten hat sich allen Verbesserungsversuchen zum Trotz 16 Jahre lang nicht erhöht. 2014 gab Rometty ihre Strategie auf und strich das ambitionierte Vorhaben, den Gewinn pro Anteilsschein auf 20 Dollar zu pushen.

Zu dem Zeitpunkt drohten dem Konzern längst existenziellere Probleme als ein verfehltes Gewinnziel. Vor lauter vergeblicher Profitoptimierung hatte er den grundlegenden technologischen Wandel zum Cloudcomputing verpasst. IBM offerierte weiterhin teure, hochkomplexe Systeme, auf denen Unternehmen ihre Daten im eigenen Haus verwalten. Einfache, per Nutzung zahlbare IT-Dienste aus der Datenwolke wurden kaum angeboten.

Ruchbar wurde das Versäumnis 2013, als der US-Geheimdienst CIA einen Cloud-Auftrag über 600 Millionen Dollar an Amazon Web Services (AWS) vergab und nicht an IBM. Ein peinliches Gerichtsverfahren, das Rometty angestrengt hatte, offenbarte: Das Angebot von Big Blue war zwar billiger gewesen, genügte aber den Anforderungen der Auftraggeber nicht. IBM war offiziell zum Saurier mutiert - technisch nicht mehr konkurrenzfähig.

Während das traditionelle Geschäft immer schneller wegbrach, hatte der Konzern bei Zukunftsthemen wenig zu bieten. Rometty akquirierte reihenweise Unternehmen wie etwa Softlayer. Zwei Milliarden Dollar zahlte sie für den Anbieter von Cloudinfrastruktur, eine weitere Milliarde investierte sie in dessen Rechenzentren.

Doch die Konkurrenz hatte immer mehr und interessantere Dienste zu bieten. Die Amazon-Tochter AWS ist heute mit rund 31 Prozent Marktanteil unangefochtener Marktführer im Cloudgeschäft. IBM liegt abgeschlagen bei 7 Prozent.

Weil der Umsatz weiter bröckelte und Kunden abwanderten, kaufte Rometty ständig neue Unternehmen, bis dato knapp 50. So erwarb sie Trusteer, einen israelischen Spezialisten für IT-Sicherheit, für eine Milliarde Dollar. Um bei sozialen Netzwerken und im E-Commerce mitspielen zu können, sammelte sie drei Digitalagenturen ein - zwei davon aus Deutschland.

Selbst mit ehemaligen Todfeinden wie Apple geht sie inzwischen strategische Partnerschaften ein, um das Trendthema Mobile Computing mit Business-Apps zu beleben.

Die Übernahmen kurbelten den Umsatz der "Strategische Imperative" getauften Wachstumsfelder kräftig an. Die Bereiche Mobile, Social, Security und Cloud sorgen mittlerweile für mehr als 40 Prozent des Umsatzes. Doch die Zugewinne können den Verfall des Kerngeschäfts nicht kompensieren.

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