03.04.2017  Der Angriffsplan des Volvo-Mutterkonzerns Geely

Die chinesische Attacke auf Volkswagen

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Volvo-Chef Hakan Samuelsson versöhnte die Schweden mit dem Eigner Geely aus China
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Volvo-Chef Hakan Samuelsson versöhnte die Schweden mit dem Eigner Geely aus China

Erst hat der chinesische Billigwagenhersteller die schwedische Autoikone gerettet. Nun folgt der nächste Schritt: der Aufbau eines globalen Konzerns à la Volkswagen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 2/2017 des manager magazins, die Ende Januar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Wer nach China will, muss nicht weit fliegen. Er kann auch nach Schweden fahren. Göteborg, Lindholmen Science Park am Fluss Göta Älv, neun Kilometer vom weitläufigen Areal des Autobauers Volvo entfernt. Vor anderthalb Jahrzehnten bröckelte hier noch der Putz. Jetzt schießen zwischen restaurierten Backsteinbauten jede Menge neuer Bürogebäude aus der fetten Erde. Fast an jedem Gebäude klebt ein CEVT-Schild, für China Euro Vehicle Technology AB.

Das Entwicklungslabor des chinesischen Volumenherstellers Geely, dem auch die schwedische Traditionsmarke Volvo gehört, wächst schneller, als die Büroplaner mitkommen; über neun Gebäude verteilt arbeiten hier inzwischen mehr als 2000 Entwicklungsingenieure.

Legen bei Volvo alle bis hinauf ins Topmanagement größten Wert auf ihre schwedische Herkunft, lässt CEVT keinen Zweifel an seiner chinesischen Identität. An der Rezeption prangt in großen Lettern "CEVT - a Geely Auto Company". Alle Hinweisschilder sind auch auf Chinesisch, und es herrscht chinesische Effizienz: Besucher müssen am Empfang ihre Daten selbst in den Computer eintippen, um ihren Badge (natürlich mit Zugangsdaten zum Gäste-WLAN) auszudrucken. Im Aufzug steht auf der Taste für den vierten Stock, wie in China üblich, "D" (die Ziffer 4 klingt auf Chinesisch so ähnlich wie das Wort "Tod"). Die Diensthandys der CEVT-Mitarbeiter sind nicht von Apple, sondern vom heimischen Mobilfunkgiganten Huawei.

Die Ingenieure im Lindholmen Science Park stehen für das - neben Tesla - spektakulärste und weitreichendste Projekt der globalen Autoindustrie: die Geburt eines neuen Giganten nach dem Vorbild von Volkswagen - ein Konzern, der sowohl Volumenmodelle à la Skoda baut als auch Premiumautos wie Audi, sie gemeinsam entwickelt und millionenfach weltweit verkauft.

Der Vater des ambitionierten Kindes ist ein mit 53 Jahren noch recht junger Milliardär: der chinesische Autofürst Li Shufu, Eigentümer von Geely, einem Hersteller von Billigfahrzeugen, der zuletzt gewaltig an Selbstbewusstsein zugelegt hat. "Autoproduktion ist keine Zauberei", spottete er kürzlich bei einem Round Table in Shanghai: "Alles geht zurück auf Grundlagen wie Technologie, Qualität, Leistung, Design, Sicherheit und ob wir den Kunden einen guten Wert für ihr Geld bieten."

In Lindholmen hat Li Shufu bereits über eine Milliarde Euro investiert. Jahr um Jahr erhöht er das Budget von CEVT. Viele der Ingenieure, oft die besten, kommen von Li Shufus Konzernmarke Volvo. Sie sollen den Unterbau für die Zukunft liefern: die CMA-Plattform (für Compact Modular Architecture), auf der künftig die kleinen Modelle des Premiumherstellers Volvo genauso basieren wie die der Billigschwester Geely und jene der neuen, etwas höher positionierten Marke Lynk & Co.

Das erklärte Ziel ist es, konzernweit eine Million Autos auf der CMA-Plattform zu bauen, davon 300.000 der Volvo-40er-Serie. Geelys neues SUV Boyue erhielt sein Design bereits bei CEVT in Göteborg - und wirkt mit seinem edlen Interieur tatsächlich nicht mehr wie ein chinesisches Auto. Für den britischen Taxiproduzenten London Taxi Company, der Li Shufu seit vier Jahren gehört, ist CEVT ebenfalls aktiv. Die Experten entwickelten eine voll elektrifizierte Bodengruppe.

Die Pläne von "Chairman Li", wie ihn bei Volvo alle nennen, klingen vermessen. Doch dem Mann ist einiges zuzutrauen. Den einst hoch defizitären Pkw-Hersteller aus Schweden hat er zu neuem Leben erweckt. Volvos jüngste Oberklassemodelle¿- das XC90-SUV, die S90-Limousine und die V90-Kombis - räumten massenhaft Designpreise ab und verkaufen sich blendend. 2016 setzte das Unternehmen im dritten Jahr in Folge so viele Fahrzeuge ab wie nie zuvor: 534.000 Stück, ein Plus von 6 Prozent. Und das bei einer Umsatzmarge von inzwischen beachtlichen 6 Prozent. Das ist nicht mehr so weit entfernt von den 8 bis 10 Prozent der deutschen Premiumhersteller.

Samuelsson träumt vom Börsengang

Dabei haben die Schweden gerade erst begonnen, ihre unter chinesischer Ägide komplett neu entwickelten Modelle auf den Markt zu bringen. In der Pipeline steckt noch viel mehr. Bis 2018 soll ein weiteres halbes Dutzend folgen. Erklärtes Ziel: 800¿000 verkaufte Fahrzeuge bis 2020.

Lange wurde diese Vorgabe in der Branche belächelt; heute zweifelt sie kaum noch jemand an. Selbst ein Börsengang von Volvo Cars ist laut Vorstandschef Håkan Samuelsson (65) "eine Option".

Die Chinesen, so viel ist klar, taten Volvo gut, vielleicht waren sie sogar die Rettung. Keine Selbstverständlichkeit angesichts der Ängste, die Übernahmen aus der Volksrepublik im Westen hervorrufen. Der Autobauer sei geradezu "ein Muster für eine gelungene chinesische Investition in Europa", so China-Experte Martin Stahl von der Stahl Automotive Consulting (SAC).

"Wir haben die beste Struktur der Welt", tönt Volvo-Chef Samuelsson stolz. Innerhalb von Li Shufus Geely-Konzern agiere die schwedische Tochter völlig eigenständig, mit einem professionell besetzten Aufsichtsrat, "als wären wir ein notiertes Unternehmen".

Chefplatz: Geely-Gründer Li Shufu präsentiert in Shanghai Volvos neue Luxuslimousine S90
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Chefplatz: Geely-Gründer Li Shufu präsentiert in Shanghai Volvos neue Luxuslimousine S90

Der Volvo-Boss empfängt an einem jener dunkeltrüben Tage kurz vor Weihnachten in seinem schlichten Büro in der Firmenzentrale in Torslanda, direkt neben Volvos größtem Produktionswerk. Samuelsson ist bester Laune, er hat sich wieder in den europäischen Industrieadel hochgearbeitet. Beim Münchener Lastwagen- und Dieselmotorenkonzern MAN musste er gehen, nachdem er sich wegen einer ungeschickten Übernahmeattacke auf die schwedische Volkswagen-Beteiligung Scania mit VW-Patriarch Ferdinand Piëch überworfen hatte.

Die Begeisterung für Deutschland und München ist geblieben. Nach wie vor hört Samuelsson jeden Morgen zwischen sieben und halb acht Bayern 5, "der beste Nachrichtensender der Welt", lacht er.

Nach sieben Jahren unter chinesischer Ägide hat er sich offenbar an den Gebrauch des Superlativs gewöhnt. Kürzlich teilte Chairman Li mit, dass Volvo zu Audi, BMW und Mercedes aufschließen solle. "Mit vereinten Kräften kann Volvo seine Konkurrenten einholen oder gar überholen", verkündete Li. Noch fehlen bis zur Nummer drei (Audi) 1,3 Millionen Autos pro Jahr. Aber hey, was ist das schon?

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