21.09.2016  Revolution in der Gesundheitswirtschaft

Können Daten wirklich heilen?

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IBM-Chefin Rometty stilisiert den Einsatz künstlicher Intelligenz im Gesundheitssystem bereits als "Moonshot"
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IBM-Chefin Rometty stilisiert den Einsatz künstlicher Intelligenz im Gesundheitssystem bereits als "Moonshot"

Die digitale Revolution wird die Medizin schneller, sicherer und preisgünstiger machen. Kann das auch im verkrusteten deutschen System gelingen?

Bald soll es so weit sein. In den nächsten Monaten will Siemens-Chef Joe Kaeser seine Healthcare-Sparte so verselbstständigt haben, dass er alle Optionen für die "Healthineers", wie sich die Medizintechniker seit Neuestem nennen, ziehen kann: einen Börsengang, eine Fusion oder einen Verkauf. Letzteres kommt eigentlich nicht infrage, denn der Gesundheitssektor ist bei Siemens das Geschäftsfeld mit der höchsten Marge: gut 16 Prozent. Für Kaeser sind die Healthineers daher integraler Bestandteil des Konzerns. Warum will er dann trotzdem für alle Eventualitäten gerüstet sein?

Weil in dem Geschäft derzeit alles möglich ist - und kaum etwas bleiben wird, wie es war. Die Digitalisierung hat den Gesundheitsmarkt mit voller Wucht erfasst. Was Experten momentan unter dem Schlagwort "E-Health" an Zukunftsszenarien entwickeln, hat mit der klassischen Gesundheitsvorsorge und Medizintechnik, also mit der Diagnose und Therapie, wie wir sie bislang kennen, nicht mehr viel zu tun. Künftig werden Indikationen per Smartphone automatisch an unsere digitale Krankenakte weitergeleitet, die dann die Einweisung ins Krankenhaus veranlasst, wo Roboter im Operationssaal helfen. "Jedes Produkt wird irgendwie vernetzt sein", sagt Kaeser-Rivale und Philips-Chef Frans van Houten.

Wer diesen Umbruch hin zu mehr genetischer und molekularbiologischer Diagnostik mitgestalten will, und das will Kaeser, muss flexibel sein. Das heißt: Zukaufen zu Preisen, die bei Siemens alle Grenzen sprengen würden. Investieren in Größenordnungen, die für die Healthcare-Sparte bisher nicht darstellbar waren. Wie schon die Tech-Größen Google , Facebook oder Apple spielen auch die E-Health-Anbieter nach anderen Maßstäben.

Nicht zu Unrecht. Denn Big Data eröffnet dem verkrusteten Gesundheitssektor endlich die Chance, effizient zu wachsen. "Wir brauchen eine neue Medizin", sagt Bernd Griewing, Neurologe und Vorstand der Rhön-Klinikum AG. Eine, die alle Daten der modernen Hightechheilkunst verknüpft - vom Blutwert bis zum Kernspintomogramm, von der Gewebeprobe zur Hirnstromkurve, von der Genomanalyse zum Operationsprotokoll. Natürlich gekoppelt an die vielen populären Gesundheits-Devices, die der Markt heute bereitstellt: von Fitnesstrackern über Apps bis zur Telemedizin.

Die neue digitale Medizin wird schneller, sicherer und rentabler sein, weil sie die Kliniken mit Daten versorgt, von Software unterstützt wird und so das rapide wachsende medizinische Fachwissen aus Studien und Experimenten in alle Prozesse integriert.

Genanalysen, Laborwerte, Röntgenbefunde, Test-Scores - Big Data mache aus Rohstoffen "Wertstoffe", sagt der für die E-Health-Sparte zuständige Siemens-Manager Arthur Kaindl. Dazu müssen Ärzte, Labore und Krankenhäuser allerdings technologisch kräftig aufrüsten, was bei den strengen deutschen Datenschutzgesetzen und den rigiden Strukturen der öffentlich-rechtlichen Krankenkassen derzeit schier unmöglich scheint.

Doch die Digitalisierung bahnt sich ihren Weg, egal, ob Deutschland dabei ist oder nicht. Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Arthur D. Little sind die Umsätze mit digitalen Techniken und Big Data in der Medizin global um durchschnittlich 21 Prozent per annum gewachsen in den vergangenen Jahren. Bis 2020 soll sich der digitale Gesundheitsmarkt noch einmal verdoppeln: auf dann 233 Milliarden Euro (siehe Grafik).

Gesunde Größe: Digitaler Gesundheitsmarkt weltweit, in Mrd. Dollar
manager magazin
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Diese Aussicht lässt nicht nur die etablierten Hersteller von Medizintechnik umdenken. Sie lockt auch neue Angreifer an. Die üblichen Verdächtigen von der US-Westküste haben sich längst breitgemacht: Amazon , Salesforce und Microsoft bieten gigantische Speicher und Cloud-Services zur Verarbeitung der riesigen Datenmengen an. Der Alphabet-Konzern lässt in seiner Sparte Google Health Sensorsysteme zur Überwachung von Diabetespatienten entwickeln (Verily); den Genomanalytiker 23andme, der riesige Datenbanken mit dem Erbgut seiner Kunden betreibt, finanziert der Suchmaschinenkonzern seit 2007. Apple erprobt zusammen mit dem Massachusetts General Hospital eine App zur Überwachung von Millionen Diabetikern, die eine drohende Unterzuckerung bereits Stunden vorher ankündigt.

Beim Ostküsten-Wettbewerber IBM wird der Einsatz der künstlichen Intelligenz im Gesundheitssystem gar zum "Moonshot" stilisiert. Mit der neuen Sparte Watson Health, benannt nach dem hauseigenen Supercomputer, will IBM-Chefin Virginia Rometty in neue Geschäftsfelder vorstoßen und endlich wieder in den Wachstumsmodus schalten. 5000 Menschen arbeiten bei Watson Health.

Die Platzhirsche tun alles, um ihr Territorium zu verteidigen. Siemens will die Datenflüsse aus seinen Labortechnikgeräten und bildgebenden Verfahren (Röntgen, Ultraschall, CT, Kernspintomografie) endlich so zusammenführen, dass sie in unzweideutige Diagnosen münden. Ein erster wichtiger Schritt hierzu wurde schon gemacht: Die Bilder und Befunde aller bildgebenden Verfahren werden künftig in einem standardisierten Verfahren gespeichert. Sie lassen sich überall aufrufen und ablesen - "ähnlich wie ein VHS-Video, das in jedem Sony-, Panasonic- oder B&O-Player läuft", erläutert Kaindl. Eine standardisierte Bildauswertung stellt dann sicher, dass die Untersuchungsergebnisse eines Philips-CT beim selben Patienten zur selben Diagnose führen wie jene eines Siemens- oder GE-Geräts.

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