21.09.2016  Revolution in der Gesundheitswirtschaft

Können Daten wirklich heilen?

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IBM-Chefin Rometty stilisiert den Einsatz künstlicher Intelligenz im Gesundheitssystem bereits als "Moonshot"
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IBM-Chefin Rometty stilisiert den Einsatz künstlicher Intelligenz im Gesundheitssystem bereits als "Moonshot"

2. Teil: Die Ära der totalen Vernetzung

Auch die kleineren Spezialanbieter bereiten sich auf die Ära der totalen Vernetzung vor. Qiagen , Weltmarktführer bei der Ausrüstung von Genlaboren aus Hilden bei Düsseldorf und seit mehr als zehn Jahren im Tec-Dax gelistet, hat längst digital aufgerüstet - und zugekauft. Für Qiagens neues Sequenziersystem Genereader, das zum ersten Mal alle Arbeitsschritte von der Aufbereitung der Proben bis zum Abschlussbericht voll automatisiert, wurden die Datenbanken der Unternehmen CLC Bio und Ingenuity Systems sowie Biobase übernommen und integriert. Seither greifen auch die Pharmamultis und große Forschungseinrichtungen auf Qiagens Sortiment zurück, wenn sie komplexe Genanalysen vornehmen.

Die Bioinformatik, wie die systematische Auswertung unterschiedlicher Daten aus Genetik und Medizin heißt, mache "einen immer größeren Teil unseres Geschäfts aus", sagt Qiagen-Vorstand Laura Furmanski. Der rheinische Biotech-Konzern wächst in dem Marktsegment jedes Jahr zweistellig.

Auch Big Pharma kann sich dem technologischen Wandel nicht entziehen. Neun der 20 größten Pharmakonzerne haben in den vergangenen zwei Jahren E-Health-Projekte angestoßen, oft in Kooperation mit Tech-Unternehmen. Roche arbeitet mit SAP zusammen, Sanofi mit Google , Novartis erforscht mit Microsoft Bewegungsabläufe von Multiple-Sklerose-Patienten.

Bei dem weltgrößten Pillenhersteller aus der Schweiz heißt der Datenwertstoff "Real World Evidence" (RWE). Eingang ins System finden nur die harten Fakten von Laborwerten, radiologischen Messungen und anderen klinischen Angaben. Das meist gehaltlose Grundrauschen aus Geplauder und Gerüchten, aus Halbverdautem und Hörensagen, das sich etwa in den sozialen Netzwerken sammeln lässt, bleibt unberücksichtigt.

Nur dieser glaubwürdige Datenwertstoff könne die Basis liefern für den fundamentalen Strategiewechsel hin zu einer "Medizin jenseits von Pillen", den Novartis-CEO Joseph Jimenez ausgerufen hat. Er will sich künftig nicht mehr eine einzelne Arzneidosis bezahlen lassen, sondern den Behandlungserfolg eines Medikaments.

Das bedeutet: Statt der einzelnen Operation, Bestrahlung, Infusion oder Injektion werden nur noch Heilungen, Symptomfreiheit oder verlängerte Überlebenszeiten vergütet. Anders lasse sich moderne Hightechmedizin gar nicht mehr finanzieren, so Jimenez. 70 Prozent aller Patienten werden schon bald an chronischen Krankheiten leiden, die mehr oder weniger lebenslang behandelt werden müssen.

Von solch futuristischen Gedankenspielen und Geschäftsmodellen ist das deutsche Gesundheitswesen noch weit entfernt. Die gesetzlichen Krankenversicherungen honorieren nach wie vor die Fallpauschalen der Krankenhäuser und die Einzelleistungen der Ärzte nach einem immer absurderen Punktekatalog. Da wird Patienten- und Datenschutz vorgeschoben an Stellen, wo sich längst anonymisierte Daten einsetzen lassen, etwa bei der Einsatzplanung und Optimierung von medizintechnischem Gerät.

Die vielen einfachen und hilfreichen Apps - allein in Apples App-Store finden sich Tausende Gesundheits- und Fitnessprogramme (vom Schnarchtest bis zur Pillenerinnerung) - stoßen bei den Entscheidern im deutschen Gesundheitswesen kaum auf Anerkennung. Anders als etwa in den Niederlanden oder in Kanada gebe es hierzulande noch nicht einmal klinische Prüfungen, um die Wirksamkeit und Effizienz neuartiger Apps zu ermitteln, klagt Alexander Schachinger, Geschäftsführer der Beratungsfirma EPatient RSD aus Berlin.

Dabei ließen sich schon innerhalb der bestehenden Strukturen enorme Kosten einsparen, würden Kassen, Mediziner und Kliniken ihre Ressourcen und Arbeitsprozesse stärker von Algorithmen steuern lassen. Allein bei den sogenannten Heil- und Hilfsmitteln, rechnet der McKinsey-Berater Stefan Biesdorf vor, konnten dreistellige Millionenbeträge pro Jahr gespart werden, seitdem die Krankenkassen beim Einsatz bestimmter Rollstühle, häuslicher Beatmungsgeräte und Pflegedienste auch das Alter und das Risikoprofil des jeweiligen Patienten einbeziehen. Höchste Zeit also für eine breit angelegte Digitalstrategie.

Komplett vernetzt und steuerbar

Genau das hat Bernd Griewing bei der Rhön-Klinikum AG (RKA) vor, zumindest im kleineren Maßstab. Im konzerneigenen Uniklinikum Gießen und Marburg werden derzeit alle digitalen Systeme verknüpft. Die Leistungsabrechnung und die Patientenakten samt aller Labordaten und Röntgenbilder mit jedem Doktor und jeder Pflegekraft. Das Ziel: Ärzte und Schwestern sollen künftig jede Infusionspumpe, jede Sonde von überall prüfen und fernsteuern können.

Rund 40 Millionen Euro lässt sich die RKA diese Rundumvernetzung bis Ende 2017 kosten. Weitere drei Jahre sind schon projektiert, aber noch nicht kalkuliert. Der Anspruch ist, auch die gigantischen Medizindatenbanken einzubinden, auf die IBMs Watson Health zurückgreifen kann.

Diese "selbst lernende Maschine" (Griewing) bewertet die Ergebnisse eines jeden Arbeitsschritts und pflegt diese Erkenntnis in künftige Aussagen ein. Watson versteht normale Umgangssprache, kann Texte erfassen - etwa aus digital veröffentlichten Fachjournalen - sowie Bilder, Röntgen-, Ultraschall- oder Kernspinaufnahmen interpretieren. Mit seiner künstlichen Intelligenz soll Watson den Ärzten der RKA bei schwierigen Therapien beratend zur Seite stehen.

Noch klingt das, als wolle einer nach den Sternen greifen. Ein für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlicher Anspruch. Die US-Tech-Giganten indes sind genau für solche Ambitionen bekannt.

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