05.02.2018  Selbsttäuschung

Warum es gut sein kann, sich zu belügen

Von Thomas Vasek, "Hohe Luft"

Sie ist ein Phänomen und dabei alltäglich: Die Rede ist von Selbsttäuschung. Doch kann man sich selbst überhaupt täuschen? Und wenn ja, warum tut der Mensch das?

Da ist der Autofahrer, der seine Fähigkeiten am Steuer überschätzt. Der Schwerkranke, der über Monate hinweg seine Symptome verdrängt, statt endlich zum Arzt zu gehen. Da ist die Ehefrau, die alle Indizien ignoriert, dass ihr Mann sie betrügt. Vor Selbsttäuschung ist kaum jemand gefeit.

Wir reden uns Dinge ein, machen uns etwas vor, betrügen uns selbst. Auf den ersten Blick scheint Selbsttäuschung irrational, gefährlich, ja pathologisch zu sein. Wer darin befangen ist, neigt oft zu Leichtsinn und Selbstüberschätzung. Aber müssen wir tatsächlich immer ehrlich zu uns selbst sein? Kann es uns nicht auch manchmal weiterbringen, wenn wir uns selbst belügen?

Selbsttäuschung bedeutet, sich selbst dazu zu bringen, etwas Falsches zu glauben. Das führt zu einem philosophischen Paradox. Sicher kann jemand in einen inneren Konflikt geraten oder sich unabsichtlich selbst widersprechen. Man kann seine Überzeugung ändern und später etwas anderes glauben als zuvor. Doch offenbar kann man nicht etwas glauben, was man zur gleichen Zeit nicht glaubt. Mit spitzfindigen Argumenten streiten Philosophen bis heute darüber, ob und unter welchen Bedingungen Selbsttäuschung im strengen Sinne überhaupt möglich ist. Und doch scheint das Phänomen so allgegenwärtig zu sein, dass es schon an Selbsttäuschung grenzt, nicht an deren Möglichkeit zu glauben.

Selbstcheck: Strengen Sie sich zu sehr an?

Psychologen kennen heute eine ganze Reihe von Mechanismen, die Menschen für verschiedene Arten von Selbsttäuschung anfällig machen. Aus vielen Experimenten weiß man zum Beispiel, dass wir dazu neigen, Informationen zu glauben, die unsere eigenen Überzeugungen bestätigen, während wir oft Fakten ignorieren, die diesen zuwiderlaufen.

Hohe Luft
Ausgabe 3/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Selbsttäuschung ist offenbar verwandt mit Wunschdenken: Oft glauben wir, was wir glauben wollen, weil es uns irgendwie nützlich erscheint, weil es bequemer ist oder uns bestimmte Ängste nimmt. Wunschdenken muss nicht immer schädlich sein. Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James (1842-1910) illustrierte das in seinem berühmten Aufsatz "The Will to Believe" ("Der Wille zu glauben") mit dem Beispiel eines Mannes, der über einen Abgrund springen muss und weiß, dass er seine Angst nur bezwingen kann, wenn er fest daran glaubt, den Sprung auch tatsächlich zu schaffen. Also hat er nach James einen Grund für eine Überzeugung, die sich eigentlich nicht auf die Fakten stützt. "Positives Denken" kann in vielen Situationen nützlich sein; darauf beruht unter anderem auch die sogenannte "positive Psychologie", die psychische Probleme auf unproduktive Denkgewohnheiten zurückführt.

Zwischen Wunschdenken und Selbsttäuschung gibt es allerdings einen Unterschied. Wer in Wunschdenken befangen ist, glaubt etwas ohne hinreichende Beweise. Wer sich hingegen selbst täuscht, der glaubt etwas gegen alle Evidenz. Es ist eine Sache, an die sexuelle Treue des Partners zu glauben, obwohl man dafür keine Beweise hat. Etwas anderes ist es, an diesem Glauben festzuhalten, obwohl eindeutige Beweise dagegen sprechen - und man es "eigentlich" selbst nicht glaubt.

Das Paradox lässt sich, so scheint es, nur auflösen, wenn man annimmt, dass unser Selbst irgendwie gespalten ist, also aus mehreren unabhängigen "Teilsystemen" besteht: "Ein Teil von mir glaubt das, ein anderer Teil glaubt das nicht." So könnte etwa ein Autofahrer nach einer Alkoholfahrt behaupten, er habe zwar durchaus gewusst, dass er nicht mehr fahren könne, aber alkoholbedingt sei ihm dieses Wissen nicht zugänglich gewesen. Diese Sicht führt jedoch zu einer ganzen Reihe von Problemen - etwa der Frage, wie es in einem Selbst mehrere "Akteure" geben kann, die ihre jeweils eigenen Überzeugungen haben. Im Falle des betrunkenen Autofahrers ließe sich etwa fragen, ob dann nur ein Teil des Selbst betrunken war, der andere hingegen nicht.

Die Philosophin Amélie Oksenberg Rorty unterscheidet zwischen zwei Selbst-Modellen, einem rationalen Selbst, das vollen Zugang zu allen seinen Aktivitäten hat, und einem "gespaltenen" Selbst, das aus vielen unabhängigen Teilsystemen besteht. Ein rational gesteuertes Selbst kann sich nicht selbst täuschen. In einem komplexen, gespaltenen Selbst hingegen sind Konflikte möglich. Ein Teilsystem kann gewissermaßen Dinge tun, mit denen das andere nicht einverstanden ist.

Wirkliche Selbsttäuschung ist aus Oksenberg Rortys Sicht nur möglich, wenn sich beide Systeme überlagern. Sich selbst wirklich etwas vormachen kann nur jemand, der die Aktivitäten seines gespaltenen Selbst aus rationaler Sicht interpretiert - wie Oksenberg Rortys fiktives Beispiel einer Krebsspezialistin, die ihre eigenen offensichtlichen Symptome einer unheilbaren Krebserkrankung bewusst ignoriert.

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