20.09.2016  Auktionator Stefan Muser über die Branchenkrise

"Die Arroganz der Uhrenindustrie rächt sich jetzt"

Von

Stefan Muser

Die Schweizer Uhrenindustrie klagt über rückläufige Absatzzahlen, auch Gewinne schrumpfen - der Luxusgüterkonzern Richemont kaufte in Hongkong und Macau sogar teure Uhren zurück, die bei den Händlern nicht verkauft werden konnten. Wie wertstabil sind Uhren noch? Stefan Muser leitet das auf Uhren spezialisierte Auktionshaus Dr. H. Crott in Mannheim und gibt Auskunft über die Lage auf dem Zweitmarkt.

manager-magazin.de: Die Schweizer Uhrenindustrie leidet unter epochalen Umsatzrückgängen. Schlägt das auch auf Ihr Geschäft durch?

Muser: Das betrifft uns weniger. Wir haben mit Vintage-Uhren zu tun, da ist der Markt noch recht stabil. Das Problem der Konzerne ist, dass der Markt in China ausfällt, seit die Antikorruptionsgesetze des Landes stringent durchgesetzt werden. Früher sind die reichen Chinesen mit ganzen Tüten voller Uhren nach Hause gefahren - und aus dem Gefängnis heraus kauft man eben keine Uhren mehr. Für uns sind aber die chinesischen Vintage-Kunden immer noch sehr wichtig. Heute gibt es dort sehr verständige Sammler, die es vor 10 oder 15 Jahren noch nicht gab. Die Chinesen schätzen Kunsthandwerk sehr und lernen schnell, auch in diesem Bereich.

mm.de: Es gibt einige wenige wachsende Märkte. Kuwait hat bei den Uhrenexporten im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent zugelegt, Griechenland um 50 Prozent.

Muser: Diese Entwicklung sehen wir auch auf dem Zweitmarkt. Uns werden Uhren, die in Griechenland gekauft wurden, zu Preisen angeboten, die 10 oder 20 Prozent unter dem üblichen Satz liegen. Erklären kann ich mir das nicht. Wird dort anders subventioniert? Halten sich die Händler dort nicht an die Preise?

mm.de: Welche Uhren sind denn noch wertstabil?

Muser: Sie machen nichts falsch, wenn Sie sich für ein gesuchtes Modell von Patek Philippe oder Rolex entscheiden. Aber es muss auch klar sein: Die wenigsten Uhren erfahren eine Preissteigerung auf dem Gebrauchtmarkt. Armbanduhren, die vor den 1980er Jahren hergestellt wurden, sind aber relativ krisensicher und geben im Preis nicht nach. Aus der Krise von 2008/2009 ist Rolex zum Beispiel eher gestärkt hervorgegangen, was dieses Segment angeht.

mm.de: In welche Uhren kann man jetzt sinnvoll investieren?

Muser: Das wäre ein Blick in die Glaskugel. Mit einer Rolex Daytona oder einer Patek Philippe Nautilus oder 3970 wird man höchstwahrscheinlich keine Probleme haben, die sind um ein Vielfaches im Wert gestiegen. Es gibt aber auch Marken, die verlieren auf dem Zweitmarkt bis zu 80 Prozent vom Neupreis.

mm.de: Welche sind das?

Muser: Das möchte ich lieber nicht sagen. Es lässt sich aber leicht ergoogeln.

mm.de: Wenn die Hersteller in der Krise stecken, ist das gut oder schlecht für Sie als Auktionshaus?

Muser: Eigentlich wäre das gut, aber ich muss den Leuten erklären, warum eine Uhr, die neu vielleicht 100.000 Euro gekostet hat, nur noch 30.000 oder 40.000 Euro bringt. Neue Kunden denken dann, das wäre unseriös, da versuche einer billig an teure Uhren zu kommen. Aber wenn die dann bei zwei oder drei Auktionshäusern denselben Bescheid bekommen haben, dämmert ihnen, dass es einfach so ist auf dem Markt.

mm.de: Was hat die Uhrenindustrie falsch gemacht?

Muser: Ein Großteil der Krise ist hausgemacht. Der europäische Markt wurde zugunsten Asiens sträflich vernachlässigt, diese Arroganz rächt sich jetzt. Die Szene wurde regelrecht ausgetrocknet, hiesige Konzessionäre haben nicht mehr die gefragten Modelle für ihre Schaufenster bekommen, die sie haben wollten. Das hat treue Kunden vergrätzt. Und: Die Preise sind absurd. Man kann nicht einfach ein und dasselbe Uhrenmodell jedes Jahr um 6 Prozent teurer machen, wie das etliche Marken getan haben. Solche ständigen Preiserhöhungen machen den Markt kaputt.

mm.de: Was raten Sie Uhrenkäufern?

Muser: Rechnen Sie damit, dass Ihre Uhr an Wert verliert. Das ist bei Autos genauso. Gehen Sie in ein Geschäft und kaufen Sie die Uhr, die Ihnen gut gefällt, die Ihnen Spaß macht und die zu Ihnen passt. Der Spaß an der Uhr, das ist Ihr Gewinn.

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