04.09.2018 
Klimawandel und Weinbau

Wird das britische Kent die neue Champagne?

Squerryes/Visit Kent/dpa-tmn

In der Champagne wird es langsam zu warm für die Trauben, die den weltberühmten Schaumwein ausmachen - darum schauen sich die Winzer jenseits des Ärmelkanals in Kent nach Feldern um. Denn die Bodenbeschaffenheit dort ist ähnlich.

Mitten in den Flitterwochen erreichte Henry Warde aus Westerham ein Anruf, der sein Leben verändern sollte. Am Telefon war sein Vater, der Besitzer der Ländereien in der englischen Grafschaft Kent, die seit acht Generationen in Familienbesitz sind. Und der hatte Besuch von einem Champagner-Produzenten aus Frankreich, der Interesse am Land der Wardes hatte. "In der Champagne wird es langsam zu warm für die Trauben, die sie für ihr Produkt brauchen", erzählt der 42-jährige Henry. Also schaut sich mancher Produzent jenseits des Ärmelkanals nach Land um.

Kent
Reiseziel
Die Grafschaft Kent liegt im Südosten Englands. Sie reicht im Westen fast bis London, im Osten bis zum Ärmelkanal. Kent ist traditionell als der Obstgarten Großbritanniens bekannt.
Reisezeit
Die Temperaturen sind ganzjährig recht mild. Weinlese ist zwischen Mitte September und Mitte Oktober, je nachdem, wie sonnig der Sommer war.
Anreise
Verschiedene Fluggesellschaften fliegen direkt an einen der zahlreichen Londoner Flughäfen. Um nach Kent zu reisen, bietet sich der Flughafen Gatwick an, der südlich der Hauptstadt liegt. Alternativ kann man von Calais aus durch den Eurotunnel nach Folkstone oder mit der Fähre nach Dover fahren.
Unterkunft
Zahlreiche Bed & Breakfasts und Inns mit teil nur wenigen Zimmern finden sich in der gesamten Grafschaft verteilt. Vor allem in Dover und Canterbury gibt es auch größere Hotels.

"Die Erde hier ist ähnlich wie in Nordfrankreich, viel Kreide, die Wurzeln der Reben können tief in den Boden wachsen." So wie an der Côte des Blancs in der Champagne. Und der Klimawandel bringt wärmere Temperaturen mit sich, so dass sich die Trauben auch im britischen Klima wohlfühlen. Land verkauften die Wardes dem Franzosen nicht. Aber Henry begann darüber nachzudenken, selbst Wein anzubauen. "2006 haben wir schließlich die ersten Reben gepflanzt, die wir in Deutschland einkauften", erzählt er. Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier: die Sorten, die man zur Herstellung von Champagner braucht.

Doch so darf sich nur der Schaumwein nennen, der aus der französischen Champagne kommt. Also heißt das Produkt von Henry Warde schlicht Sparkling Wine, Schaumwein. In Weiß und in Rosé stellt er ihn her, nach der traditionellen Methode der Franzosen, der Flaschengärung. Und obwohl der Squerryes Brut noch sehr frisch auf dem Markt ist, ist er schon eine Nummer auf der Karte der britischen Weinproduzenten und hat bereits verschiedene Preise gewonnen.

Doch Henry will nicht nur guten Wein machen - er hat auch die Sache mit dem Marketing verinnerlicht. Schließlich besitzt er dieses große alte Haus, das wunderschön in einem parkähnlichen Garten liegt. Mit ein paar Zimmern voller Gemälde der Ahnen. Also öffnet er die Pforten und kredenzt neben dem eigenen Champagner im Wohnzimmer der Wardes auch Geschichten der Vorfahren, die eine bewegte Vergangenheit haben und deren Wahlspruch "Licet Esse Beatis" - "Erlaube dir, fröhlich zu sein" seit mehr als 250 Jahren Bestand hat. Dieses Gesamtpaket, Schaumwein plus Winzer plus Geschichte, das will Henry Warde in Zukunft verkaufen.

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Damit hat er anderen Weingütern zumindest einiges voraus. Deren Besitzer haben zwar viel Geld in die Hand genommen und Ländereien gekauft, Reben gesetzt und machen nun ihre Weine, schäumend oder nicht - doch der Titel und die adeligen Ahnen fehlen weitgehend. Die Anzahl der Winzer ist übersichtlich, allerdings werden es langsam mehr, auch nördlich des 50. Breitengrades. Dort wuchsen bis vor wenigen Jahren nämlich gar keine Reben.

Die Grafschaft Kent im Süden des Königreichs ist vor allem als der "Obstgarten Englands" bekannt - oder für die Kreidefelsen von Dover und das altehrwürdige Canterbury. Äpfel und Birnen, Kirschen und Erdbeeren - das sind die Früchte, die das Land im Südosten Englands vor allem hervorbrachte. Zudem Felder, Wälder, Kühe und Schafe. "Das Obst wird durch die kühleren Temperaturen später reif, dadurch bekommt es aber mehr Sonne mit und hat erstklassige Aromen", sagt Henry.

Doch vor allem die Äpfel waren eine Weile mehr Fluch als Segen, als die Apfelpreise stark sanken und die Gärten nicht mehr genügend einbrachten. Ende der 1960er Jahre war das. Da probierte die Familie Barnes sich einfach an der Winzerei, denn mit den Äpfeln war kein rechter Staat mehr zu machen. Auf einer kleinen Fläche pflanzte man die ersten Reben und legte damit den Grundstein der Biddenden Vineyards. Heute wachsen hier elf verschiedene Sorten auf rund neun Hektar Land, die sich in einem Tal auf den sanften Hügeln am Ortsrand von Biddenden befinden.

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