31.05.2018  Tiefgaragen-Chef im Luxushotel

Der Herr über Ferraris, Maybachs und Bentleys

Protokoll von Madeleine Jakits, "Der Feinschmecker"
Florian Jaenicke

Tesfa Weldegiorgis macht man nichts vor beim kniffligsten Parken und Rangieren in engen Lücken und Winkeln. Er kriegt am Ende noch alle ohne Kratzer und Beulen unter: gewaltige Maybachs, röhrende Ferraris, Oldies ohne Servolenkung oder kecke Smarts. Weldegiorgis ist Chef der Tiefgarage des "Bayerischen Hofs" in München.

"Wenn uns von den doormen ein Wagen übergeben wird, gehört er uns. Das Wichtigste an jedem Auto ist für uns der Schlüssel! Wir, das sind meine netten Kollegen und ich. Wir sind neun Mann und arbeiten in drei Schichten. An den Wochenenden ist Hochbetrieb, dann sind wir zu dritt hier unten. Freitags kommen viele Gäste an, und am späten Sonntagvormittag reisen die meisten wieder ab, fast alle gleichzeitig.

Ich habe ein System ausgetüftelt, nach dem wir die Parkscheine der Gäste nach Nummern und nach Farbzonen in die kleinen Fächer in unserem winzigen - und geheizten! - Büro legen. An der Farbe sehen wir, in welchem Bereich der Garage das Fahrzeug steht, an den letzten vier Ziffern des Parkscheins die genaue Position. Stammgäste wissen schon, dass sie dem doorman gleich die Nummer des Parkscheins sagen, dann geht es am schnellsten: Fünf bis zehn Minuten, und das Auto steht vor dem Hotel.

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Die Garage hat 60 Stellplätze, wir kriegen aber 65 Autos unter, weil wir so unsere Tricks haben, um den Platz optimal zu nutzen. Wir scherzen immer, dass gerade noch ein Blatt Papier zwischen den Wagen und die Betonsäule passen darf. Alle Autos stehen in der Regel mit der Schnauze nach vorn, also rückwärts eingeparkt. Gucken Sie mal, diese beiden Schlüssel sind jetzt mal Autos. Normalerweise parkt man die ganz parallel nebeneinander. Wir tun das aber nicht. Wir stellen sie so, dass sie vorn enger zusammenstehen als hinten, dann bleibt zwischen ihnen ein V. Das hilft beim Aus- und Einsteigen. Bei feststehenden Außenspiegeln kann ich unter ihnen hindurchschlüpfen, um aus der Lücke zu gehen. Zu mir hat ein Gast mal gesagt: Sie sind ja wie Pumuckl, so geschickt. Ja, stimmt. Wir kommen immer rein in die Autos - und auch wieder raus!

Wenn ich eine Wagentür aufmache, lege ich die linke Hand als Schutz außen an den Lack, damit ich keine Wand, kein anderes Fahrzeug damit berühre. Beim Einparken und Manövrieren auf so engem Raum sind die Außenspiegel sehr, sehr wichtig. Ein Auto ohne Außenspiegel ist wie ein Mensch ohne Augen. Wir haben auch viele unauffällige Markierungen an den Parkplätzen angebracht, die uns die Orientierung erleichtern. Auch helfen wir uns hier, wenn es mal brenzlig wird, wenn das Auto zum Beispiel dunkel getönte Scheiben hat oder mit einem Dachaufbau ankommt - Sie sehen ja, wie viele Rohre hier unter der Decke verlaufen. Jeder der Stellplätze ist anders, manche sind abschüssig. Gepanzerte Limousinen brauchen eine doppelte Lücke, und zwar so, dass der Fahrer blitzschnell weg kann.

Fünf Bentleys oder drei Ferraris oder ein Rolls-Royce, man weiß nie, was kommt. Auch große Motorräder sind mal dabei, die parken die Besitzer lieber selbst. Wunderschöne Oldtimer haben es in sich - ohne Servolenkung kann es ein ganz schöner Kraftakt werden, wenn Sie aus dem Stand gaaaanz langsam hin- und herkurbeln, bis der Oldie endlich richtig steht. Das geht auf die Arme! Wichtig ist nur, dass wir die perfekte Lücke finden oder eben frei machen, umparken. Auch wenn es komisch klingt: Die meisten Sorgen macht mir immer der Smart. Wenn man da vergisst, die Handbremse fest anzuziehen, rollt der manchmal heimlich davon.

Sie brauchen für diese Arbeit einen kühlen Kopf, gute Konzentration und einen festen Willen, aber auch Geduld und das Wissen um das Vertrauen, dass man Ihnen zusammen mit dem Schlüssel übergibt. Eine eherne Regel: Wir verstellen absolut nichts, wenn wir uns in einen Wagen setzen, nicht den Radiosender, nicht die Sitzposition, nicht den Innenspiegel. Der Besitzer soll alles genau so wieder vorfinden, wie er es verlassen hat. Und wenn der sehr hochgewachsen ist, dann klemme ich mich halt auf die Vorderkante des Sitzes, um an die Pedale zu kommen.

Der einzige Platz im Auto, der uns zu interessieren hat, ist der Fahrersitz: Liegt da eine Brille, auf die man sich bloß nicht versehentlich draufsetzt? Oder hat der Besitzer sein Handy oder sein Portemonnaie im Spalt zwischen Rückenlehne und Sitz übersehen? Für alles andere, das im Auto herumliegt, haben wir gar keinen Blick. Wie gesagt, wichtig ist für uns sowieso der Mensch. Und sein Autoschlüssel! Manche Gäste bleiben eine Woche und sagen uns, dass sie ihr Auto in der Zeit nicht nutzen werden. Dann parken wir es in einem hinteren Winkel und stellen andere Fahrzeuge quer davor. Mancher Stammgast möchte, dass wir das Auto waschen und innen staubsaugen, dafür haben wir eigens den Waschplatz hier.

Das Auto übernachtet bei uns für 36 Euro pro Nacht. Das mag nach viel Geld klingen, aber überlegen Sie mal, was Sie dafür auch bekommen: Ein Dach über dem Kopf fürs Auto, mitten in München, rund um die Uhr Bewachung und den freundlichen Service bei der Ankunft und bei der Abreise durch die doormen.

Ich werde manchmal gefragt, welches Auto ich mir von einem gigantischen Lottogewinn kaufen würde. Für mich wäre es ganz sicher ein Bentley! Keine Ahnung, warum, aber auf Bentley stehe ich. Klar, der Rolls-Royce hat Regenschirme in den hinteren Türen versteckt … Aber hier bei uns in der Garage regnet es ja nicht.

Sie wollen wissen, wer besser einparkt, Männer oder Frauen? Na ja, in Deutschland sind ja alle gleichberechtigt. Und wir hatten hier schon mal eine Dame, die ihren teuren Wagen lieber selber einparken wollte. Wir waren echt begeistert, wie sie das auf dem engen Raum gemacht hat. Es gibt andererseits Männer, die das überhaupt nicht hinkriegen. Die Talente sind unterschiedlich verteilt.

Ich komme aus Eritrea. Eigentlich wollte ich als junger Mensch mal Diplomat werden. Oder Agrarwissenschaftler. Aber 1985 bin ich mit 18 Jahren während des Krieges gegen Äthiopien geflohen, seitdem ist das wunderschöne München meine zweite Heimat. Hier habe ich meinen Führerschein gemacht, der mir wie ein guter Freund ist. Und seit sieben Jahren habe ich auch hier eine Familie, meine Frau und ich kannten uns schon als Kinder in Eritrea. Wenn wir heute unsere Familien dort besuchen, ruft mein Vater immer: Ah, da kommt der Europäer! Wir sind Kopten, darum sind uns die christlichen Feiertage wichtig, vor allem Weihnachten, Ostern. Mir persönlich aber bedeutet der 24. Mai inzwischen am meisten. Es ist seit 1991 der Tag der Freiheit in Eritrea, seit der Unabhängigkeit von Äthiopien. Am 24. Mai arbeite ich dann nur vormittags. Den Rest des Tages feiere ich mit meinen Landsleuten."

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