08.08.2018 
Amerikas rostiges Herz

Ein Roadtrip durch den Rust Belt der USA

Visit Indiana/dpa-tmn

2. Teil: Cleveland zehrt vom Trump-Effekt

Mit dem Gebaren des Mannes aus New York können die Menschen überwiegend nichts anfangen. Ein vielfacher Millionär, der wissen will, wie die kleinen Leute ticken? "So ein Quatsch", sagt John, der in einer Sportsbar in seinen Burger beißt. "Der kann die alten Industrien auch nicht zurückbringen, in denen so viele Leute Arbeit hatten." Trotzdem wurde der "Krönungsparteitag", wie die Versammlung spöttisch genannt wird, zum Erfolg. Für Trump und für Cleveland.

"Die Reporter rannten uns die Tür ein, sie erzählten Geschichten über Cleveland und zeigten tolle Bilder - und plötzlich wurde die Stadt wieder interessant", erzählt Lauer. Bis heute zehren sie davon. Die Zahl der Kongresse nahm zu, der Tourismus zog an.

Auch in Detroit, am westlichen Nordende des Eriesees gelegen, gehen die Lichter wieder an. Die Autoindustrie war die Lebensader der Stadt am Detroit River, unmittelbar an der Grenze zu Kanada. Doch der Welthandel und einige fragwürdige Entscheidungen spielten der Stadt übel mit, sie schrumpfte und musste Bankrott erklären.

Nun sind die Schulden bezahlt, und es tut sich einiges. "Man kann zuschauen, wie einst leerstehende und verfallene Häuser verkauft werden", erzählt Kim Rusinow. Sie hat sich vor ein paar Jahren mit einem kleinen Tour-Business selbstständig gemacht - und wurde ausgelacht. "Was willst du den Leuten denn zeigen in dieser verfallenen Stadt?", fragten selbst gute Freunde. Heute kann sie sich ihre Aufträge aussuchen. Auch wenn in Detroit noch einiges im Argen liegt, sind sehenswerte Projekte entstanden. Am Detroit River wurde ein kilometerlanger Trail gebaut, an dem man laufen, radeln und Inline skaten kann.

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Als Henry Ford die Autoherstellung per Fließband erfand, hielten hier die Züge, die Rohstoffe und Teile lieferten. Doch schon seit den 1950er Jahren war nicht mehr alles gut in der Autostadt. "Man hat damals die Highways gebaut und damit Schneisen kreuz und quer durch die Stadt geschlagen", erzählt Ford-Ingenieur Genova. Damit fingen die Probleme an, die zum Niedergang der stolzen Stadt führte, die Paris nachgebaut wurde und in der einst rund zwei Millionen Menschen lebten. Auf die Auslagerung der Jobs folgten ethnische Unruhen, die Leute zogen weg.

Heute ziehen sie wieder hin. Denn es gibt vor allem eines: Platz und relativ günstige Wohnungen. Auch Erin ist hier hängengeblieben. Sie lebte viele hektische Jahre in New York City, arbeitete in einer Werbeagentur. "Doch irgendwann kam der Moment, an dem ich genug von diesem Leben hatte", erzählt die zierliche Frau mit den dunklen Haaren. Eineinhalb Jahre lang bereiste sie die USA, von Osten nach Westen. Sie stoppte und shoppte überall, wo es ihr gefiel. "Nach der Reiserei habe ich mich entschieden, in Detroit mein neues Leben zu beginnen." Ganz in Ruhe, in ihrem kleinen Laden, in dem sie nun all das verkauft, das sie bei ihren Reisen gefunden hat: Kleidung und Schuhe, Perlen und Edelsteine, Decken und Schmuck.

Als sie ein Haus gekauft und den Shop eröffnete hatte, hängte sie einen Kronleuchter an die Decke. Er funkelte weit aus dem Laden heraus, erregte Aufmerksamkeit. "Eltern, die mit ihren Kindern hier im Stadion um die Ecke waren, sind später zu mir gekommen. Sie wollten sehen, was es mit dem Licht auf sich hat", erzählt Erin. Sie sieht in der Lampe ein Symbol für das, was sich da gerade um sie herum entwickelt. "Wir haben das Licht nicht ausgemacht."

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