02.10.2017  Kreuz und quer über den mittleren Mississippi

Kleinstadt-Amerika an der Riverfront

Üppig sprießen Petunien aus kniehohen, terrakottafarbenen Pflanzkübeln. Ältere Paare schlendern über den Boulevard, lässig überholt sie ein Skateboarder mit Baseballmütze. Im Hintergrund fließt träge der Mississippi.

Ein Frachtschiff stemmt sich gegen den Strom, doch es ist zu weit entfernt, um Motorenlärm bis ans Westufer des bekanntesten Flusses der USA zu werfen. Ein wenig landeinwärts funkelt die Kuppel des County-Verwaltungsgebäudes im sanften, rötlichen Licht des Sonnenuntergangs. Es ist die reinste Idylle, die der Riverwalk von Dubuque im Osten von Iowa an diesem Sommerabend verströmt. Kleinstadt-Amerika von seiner schönsten Seite.

Szenen wie diese bleiben im Kopf nach einer Reise an den Mittellauf des Mississippi, in die US-Bundesstaaten Iowa, Illinois und Missouri. Ebenso aber bleiben Erinnerungen an leerstehende Lagerhäuser, zugenagelte Läden und eingestürzte Wohngebäude.

Der Mississippi ist noch immer ein wichtiger Transportweg vor allem für Agrarprodukte aus dem Mittleren Westen. Doch manche Städte an seinen Ufern haben schon bessere Zeiten gesehen. Einige sind so einladend wie Dubuque, deren Uferpromenade von der Lesern der "USA Today" 2014 zur viertschönsten "American Riverfront" gewählt wurde. Andere wie Cairo im äußersten Süden von Illinois wirken in Teilen so, als seien sie evakuiert und sich selbst überlassen worden.

Es ist die Great River Road, die dabei hilft, links und rechts des Mississippi ein in vielerlei Hinsicht widersprüchliches Amerika zu erkunden. Im Range eines "National Scenic Byway" schlängelt sich die gut ausgeschilderte Route durch die meist flache Landschaft, vorbei an endlos erscheinenden Mais- und Sojabohnenfeldern, ab und zu durch kleine Wälder und nicht immer mit direktem Blick auf den Fluss. Es sind oft sehr weite Wege zu fahren zwischen den Orten. Aber das ist für Reisende, die andere Teile der USA schon kennen, nichts Neues.

Genutzt wird die Touristenroute vor allem von Einheimischen, wie man leicht feststellt, wenn man abends im Diner bei riesigen Steaks und Craftbier aus einer lokalen Mikrobrauerei miteinander ins Gespräch kommt. Urlauber aus Übersee sind - anders als in New York, Florida oder Kalifornien - eher selten anzutreffen am mittleren Mississippi. Und das, obwohl die Region genau jene Eindrücke bietet, die viele Menschen auf Reisen so gerne suchen: authentischen Alltag statt künstlicher Welten, in denen vor allem der schöne Schein zählt.

Eine Reise zwischen Dubuque im Norden und Cairo im Süden führt einmal die komplette Westgrenze von Illinois entlang, die der Mississippi bildet. Diese Strecke ließe sich auf Highways abseits des Flusses in acht Stunden bewältigen. Auf der Great River Road sind dagegen drei bis vier Tage ein angemessener Zeitraum. Sonst bliebe keine Zeit für die - meist kleinen - Attraktionen am Wegrand. Immer wieder geht es dabei kreuz und quer über den Fluss, auf langen Brücken, von denen es zwei Dutzend zwischen Dubuque und Cairo gibt.

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