24.04.2017  Lifestyle-Metropole Tel Aviv

Liberal, leichtlebig, ausgelassen

Wenn Küchenchef Tomer Agai an das Tel Aviv vor gut zehn Jahren denkt, zieht er ein trostloses Fazit. "Es gab nur Falafel und Schawarma oder Michelin-Restaurants", sagt der Besitzer des "Santa Katarina". Das Lokal liegt eine Minute entfernt vom Rothschild-Boulevard, der repräsentativen Prachtmeile. Die Luft weht lau an diesem frühen Abend. Obwohl Mittwoch ist, sind die Straßen voll mit Menschen, ebenso wie die zahlreichen Restaurants. Die Gastronomie-Szene hat sich gewandelt. Die Zeiten, in denen es nur Fast Food oder Fine Dining gab, sind vorbei.

Im angesagten "Santa Katarina" bekommt man draußen keinen Tisch mehr. "Alles soll lässig und offen sein, nicht elitär und fein", sagt Agai, 42, ein orientalischer Jude. Er hat sich hingesetzt, das Haar ist nach oben gewachst, der Vollbart angegraut, was ihm ausgezeichnet steht. Gleich geht es zurück in die Küche. "Ich musste meinen Platz auf der kulinarischen Landkarte erst finden", erzählt er.

Als Kind liebte Agai das arabische Essen seiner Oma. Die Großeltern kamen aus Syrien, Ägypten, Marokko und dem Irak. Später kochte er in London und Paris für angesehene Chefs, dann kehrte er nach Israel zurück und eröffnete 2014 sein eigenes Restaurant. Die mediterranen Speisen sind vorzüglich und bezahlbar, die Kundschaft international. Agai verkörpert das kosmopolitische Tel Aviv, er hat es mitgeprägt.

Wenn man Israelis nach Tel Aviv fragt, sind sich fast alle einig. Die Stadt sei nicht Israel, sondern ein Land für sich, eine Blase. Ob dies nun gut oder verwerflich ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Tel Aviv steht für Zerstreuung und Lebenslust, für unpolitischen Hedonismus. Man trifft seine Bewohner eher am Strand als in der Synagoge, und Fragen der Mode sind den meisten wichtiger als die Auslegung der Thora. Womöglich ist genau das der Grund, warum Tel Aviv bei Europäern eine solche Trendstadt geworden ist.

Vor sieben Jahren kamen 60 Prozent aller Touristen mit organisierten Gruppenreisen nach Tel Aviv. Heute sind es nur noch 20 Prozent. Die Sicherheitslage in Israel gilt als latent fragil, das schreckt die oft ältere Klientel der Kulturreisenden ab. Doch insgesamt ist die Zahl der Besucher in Tel Aviv ziemlich konstant geblieben. Heute zieht es vor allem junge Individualreisende in die Mittelmeerstadt, die Generation Billigflieger, die private Apartments auf Airbnb so selbstverständlich bucht wie Hotelzimmer und stets auf der Suche ist - nach den neusten hippen Shops, Cafés und Bars.

Vor einiger Zeit überlegte die Stadt, einen City Pass aufzulegen, der freien Eintritt zu den bekannten Sehenswürdigkeiten bieten sollte. Doch Attraktionen von Weltformat gibt es nicht, und so wurde die Idee schnell verworfen. Die Anziehungskraft von Tel Aviv hat eher mit dem Lebensgefühl seiner Bewohner zu tun. Und der legendäre Strand mit seiner Flanierpromenade ist ohnehin für alle zugänglich. Hier ist die Stadt im Sommer besonders leichtlebig und sexy.

Tel Aviv heißt auf Hebräisch "Hügel des Frühlings". Korrekt ist aber Tel Aviv-Jaffa, beide Orte wuchsen zusammen, und somit ist Stadt quasi alt und jung zugleich. Alt, weil Jaffa im Süden eine der ältesten Siedlungen des Nahen Ostens ist. Neu, weil das eigentliche Tel Aviv erst 1909 gegründet wurde. Damals gehörte Palästina zum Osmanischen Reich. Erst am 14. Mai 1948 - nach zwei Weltkriegen, britischer Mandatsherrschaft und dem Holocaust - rief der spätere Premierminister David Ben-Gurion in der Independence Hall den Staat Israel aus. Die arabischen Nachbarn erklärten sofort den Krieg.

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