16.09.2016  Fotoprojekt über Hotels

32 Länder, immer das gleiche Zimmer

Von
Roger Eberhard

Roger Eberhard

Für sein Projekt "Standard" ist der Fotograf Roger Eberhard exakt ein Jahr lang in 32 Länder gereist und hat sich dort jeweils in einem Standardzimmer eines Hilton-Hotels eingemietet. Die Zimmer und die jeweilige Aussicht aus dem Zimmerfenster hat er in seinen Bildern festgehalten, die als Buch erschienen sind.

manager-magazin.de: Herr Eberhard, mögen Sie Hotels?

Eberhard: Ja und nein. Ich reise viel und in der Regel bin ich gerne in Hotels. Wie es der Schriftsteller Benedict Wells im Vorwort allerdings so schön beschreibt, habe auch ich die Erfahrung gemacht, dass ein Hotelzimmer ein bisschen wie ein Resonanzraum ist: Es verstärkt die eigenen Emotionen. Wenn man euphorisch ist, ist das toll. Aber in melancholischen Stunden gibt es nichts, was einen aufheitern könnte. Ein Hotelzimmer ist ein steriler Raum, der einen sich selbst überlässt.

Buchtipp

Die Bilder zu diesem Interview stammen aus dem Buch "Standard". Für seine neue konzeptionelle Fotoarbeit ist der Schweizer Fotograf Roger Eberhard auf alle fünf Kontinente gereist. In 32 Städten hat er stets im lokalen Hilton-Hotel das Standarddoppelzimmer gebucht und dort das Interieur mit Doppelbett, Mobiliar und Fenster fotografiert. Zudem hat er die Aussicht auf die jeweilige Stadt aus dem Fenster des Hotelzimmers aufgenommen.

"Standard", Scheidegger & Spiess, 104 Seiten, September 2016, 58 Euro

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mm.de: Wie entstand die Idee zu dem Projekt?

Eberhard: Der Gründer der Hilton-Kette, Conrad Hilton, hat gesagt: "Jedes unserer Hotels ist ein kleines Amerika." Ich habe mich gefragt: Wieso reisen wir in fremde Länder, zu anderen Kulturen, und wollen dann an einem Ort wohnen, der überall gleich aussieht? Was sagt dies aus über unser Verlangen nach Standardisierung und Wiedererkennbarkeit? Und wie kann man sich diesen Fragen künstlerisch annehmen? Ich hatte die Idee zu dem Projekt schon als Student, aber da war es für mich finanziell nicht zu stemmen.

mm.de: Ist ein Hotelzimmer ein Schutzraum gegen eine potentiell feindliche Welt?

Eberhard: Für manche Leute fühlt es sich vielleicht wirklich wie ein Bunker an. Ich empfinde es aber eher als einen Ausgangspunkt, eine Kammer zur Welt.

mm.de: Hat sich das Wohnen im letzten Zimmer anders angefühlt als im ersten?

Eberhard: Das nicht, aber es war amüsant, das Wiedererkennbare zu suchen. Mein erster Blick galt immer dem Wecker neben dem Bett - in zwei Dritteln der Zimmer war es das gleiche Modell. Diese Kleinigkeiten zu suchen, wurde wie zu einem Spiel. Man lenkt sich, glaube ich, immer irgendwie ab, wenn man viel alleine reist.

mm.de: Bei soviel Wiedererkennungswert: Haben Sie sich irgendwann zu Hause gefühlt?

Eberhard: Ich fühlte mich sehr wohl, aber zu Hause ...? Das nicht gerade. Ich war ja auch meistens nur sehr kurz in den Zimmern, für ein oder zwei Nächte. Der Standard hat zwar etwas beruhigendes, aber ein Zuhause kann er nicht ersetzen.

mm.de: Kann man erkennen, in welchem Land ein Zimmer ist? Gibt es lokale Besonderheiten?

Eberhard: Naja, in Paris zum Beispiel wird der Eiffelturm auf der Wand abgebildet (lacht). Lokale Elemente werden jedenfalls gerne aufgegriffen: In Nairobi hat der Vorhang besondere Muster, in Hanoi tanzt die Tapete aus der Reihe. Oder es gibt Verweise auf lokales Kunsthandwerk wie zum Beispiel das Muranoglas als Leuchter in Venedig. Aber es ist ein schmaler Grat zwischen den Verweis auf eine lokale Geschmacksprägung und der Aneignung eines exotischen Klischees.

mm.de: Können Sie ein Hilton-Zimmer sofort als ein solches erkennen?

Eberhard: Klar, der Wecker und der Hilton-Kugelschreiber sind ja immer da! Aber sonst? Ich glaube nicht, dass sich die großen Hotelketten viel nehmen. Erwähnenswert finde ich allerdings den Luxus, dass man ausgefallene Wünsche anbringen kann. Ich wollte zum Beispiel immer, dass das Bett auf der rechten Seite steht. Die halten mich bestimmt für einen Spinner, dachte ich. Aber ich wurde nicht einmal komisch angeschaut, hörte nie ein "Nein, geht nicht."

mm.de: Die haben wahrscheinlich einfach Rücksicht auf Ihr Projekt genommen.

Eberhard: Nein, die wussten gar nichts von meiner Arbeit. Mir war es wichtig, meinen neutralen, dokumentarischen Blick zu behalten. Ich habe niemanden eingeweiht und alle Zimmer normal bezahlt, ich wollte auf keinen Fall bevorzugt behandelt werden oder speziell schöne Aussichten bekommen.

mm.de: Was hat Sie bei der Arbeit überrascht?

Eberhard: Das rastlose Unterwegssein ist ein Dauerthema meiner Arbeit; "Standard" ist schon das dritte Projekt, das sich mit dem Thema Hotels befasst. Bei Hilton gibt es eine Besonderheit: Oft waren deren Häuser die ersten Hochhäuser in der Stadt, sie verströmten einen Glanz, eine Utopie. Meine Ausgangsidee war ja, dass die Zimmer alle gleich aussehen und man nur anhand der Aussicht feststellten kann, wo man sich befindet. Aber es stellte sich als komplexer heraus, und das machte die Sache erst recht interessant: Die Zimmer wiesen lokale Besonderheiten auf, während die Aussichten auf merkwürdige Weise standardisiert wirkten. Meist sind sie spektakulär, aber auch irgendwie anonym. Die Sehenswürdigkeiten fehlen. Ein Hotel steht ja kaum direkt neben dem Eiffelturm oder dem Empire State Building. Man hat einen tollen Blick über eine Großstadt, es ist ein Panorama wie im Bild auf einem Reiseportal - und da gehört das Foto mit der Aussicht ja auch zum Standard.

mm.de: Wie sieht ein ideales Hotelzimmer für Sie aus?

Eberhard: Es muss natürlich sauber sein, ruhig auch, und man sollte es komplett abdunkeln können. Vor allem, wenn man viel reist, sind Dunkelheit und Ruhe das Wichtigste und der größte Luxus überhaupt. Und ich muss gestehen: Die Betten in den Hiltons sind schon ziemlich gut.

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