26.07.2018 
Kilian Kerner über Kreativität, ADHS und neue Pläne

"Abartig, ein Börsenkurs zu sein"

Von
Robin Kater

Kilian Kerner
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    Robin Kater
    Kilian Kerner (39) ist vor rund 20 Jahren eigentlich durch Zufall Designer geworden - bei einem Konzert der Sängerin Nena fand sie Gefallen an dem selbstgestalteten T-Shirt des Schauspielschülers, er schenkte es ihr und gewann so seine erste Promi-Kundin.

Kilian Kerner ist Modedesigner. Vor zwei Jahren kam das Aus für das 2004 gegründete Label "Kilian Kerner", das längst unter der Kontrolle von Investoren stand - viel zu rasch war das Unternehmen gewachsen, Qualität und Fertigung hatten nicht Schritt halten können.

Im Interview spricht Kerner über die Lehren aus dieser Zeit, darüber, warum Ritalin ihn zu einem netteren Menschen gemacht hat und seine neuen Pläne in der Modewelt.

manager-magazin.de: Wie geht es Ihnen?

Kilian Kerner: Extrem gut. Ich genieße alles, was gerade passiert.

mm.de: Sie haben harte Zeiten hinter sich. Die "Bild" hat geschrieben, sie seien der "gefallene Szene-Darling"...

Kerner: …... oh Gott...

mm.de: ... hat Sie das geärgert? Wie sehen Sie sich selbst?

Kerner: Ich habe das Ende der Marke Kilian Kerner nie als einen Fall gesehen. Ganz im Gegenteil. Mit solchen Schlagzeilen muss man sich aber abfinden. Es gab immerhin eine ganze Seite in der Zeitung, da schaut man über die Headline hinweg. Was ich jetzt mache, ist kein Neustart oder Comeback, weil ich ja kontinuierlich weitergearbeitet habe: Ich habe ja schon zwei Wochen nach dem Ende meines Labels eine Tenniskollektion entworfen. Ich habe mit der Firma Kilian Kerner aufgehört. Aber als Person Kilian Kerner habe ich weitergemacht. Die Kooperation mit Samsonite, für die ich Business-Handtaschen entwerfe, ist auch eine ziemlich große Sache.

mm.de: Wie haben Sie das Ende der Firma Kilian Kerner erlebt?

Kerner: Als große Befreiung. Die letzten Jahre war es nicht mehr schön. Ich arbeite extrem gerne, und auch extrem gerne extrem viel. Ich mag Leistungsdruck. Aber den Druck an der Börse mit einem Unternehmen, das meinen Namen trug: Das war, gelinde gesagt, abartig.

mm.de: Was war das Abartige?

Kerner: Ein Börsenkurs zu sein! Dass diese Firma an der Börse meinen Namen trug, das war das Allerschlimmste. Man hat in diesem Job so viele Leute, die über einen urteilen. Die Einkäufer. Die Presse. Und dann kommt noch die Börse. Man geht ins Internet und dann steht hinter dem eigenen Namen eine Zahl: So viel bin ich heute wert! Mit diesem Druck konnte ich nicht umgehen. Ich gehörte mir nicht mehr selbst. Am Anfang habe ich auch den Fehler gemacht, mir die Kommentare im Börsenforum durchzulesen. Das war so bösartig. Die sind die Firma angegangen, die sind mich als Person angegangen, es gab Lügengeschichten über mein Privatleben. Irgendwann habe ich das nicht mehr gelesen. Und bin den Hauptversammlungen ferngeblieben.

mm.de: Wenn Sie jetzt ihr 14 Jahre jüngeres Ich treffen würden, was würden Sie ihm raten?

Kerner: Sich schneller einen guten Anwalt zu holen. Das habe ich viel zu spät getan. Der hätte mich nicht immer alles unterschreiben lassen, was man mir fünf Minuten vor Notarterminen auf den Tisch gelegt hat. Die Investoren haben das sehr schlau gemacht, mit Zeitdruck und Psychoterror, dass ich irgendwann dachte: Auf eine Unterschrift mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Da war ich einfach dumm.

mm.de: Wie konnte es soweit kommen?

Kerner: Es war das große Ziel, dass ich als Designer den Kopf frei hatte. Ich musste aber viele Dinge unterschreiben, weil ich eine Zeitlang mit im Vorstand war. Es war nie möglich, in der Firma kreativ zu sein. Die Teile, die ich dort entworfen habe, kann ich an einer Hand abzählen. Das habe ich am Wochenende zu Hause gemacht.

mm.de: Warum ging es zu Ende?

Kerner: Wir sind erst viel zu schnell gewachsen. Als die Investoren einstiegen, waren wir in zehn Läden. Anderthalb Jahre später in mehr als hundert in 14 Ländern. Den Kaufhäusern in England war die Hauptlinie zu teuer, die wollten eine zweite, günstigere Komplettlinie haben. Da hieß es dann: Noch mehr arbeiten. Das Designen war nicht schlimm, ich kann auf Knopfdruck entwerfen. Es hat auch funktioniert, alle haben die Kollektion ins Sortiment genommen. Eine Wahnsinnsbestätigung für meine Arbeit. Aber unser Team bestand aus einem Dutzend Leuten, und es wurde nicht vergrößert, obwohl wir auf einmal das Dreifache an Schnitten machen mussten. In der Produktion war es die Hölle. Es war schlicht unmöglich. Wir haben zu spät ausgeliefert, die Qualität der Sachen hat gelitten, die Passformen haben nicht gestimmt. Das war der Todesstoß.

mm.de: Sie sind wütend, immer noch.

Kerner: Nein. Damals schon. Im Oktober 2015 erkrankte meine Mutter schwer, und zeitgleich verunglückte mein Schwager tödlich. Ich fuhr nach Hause und habe mich um meine Schwester und meine Mutter gekümmert. Zwei Tage später war ich wieder auf der Stoffmesse. Trotzdem warf mir der Vorstand vor, ich hätte mich zu sehr um meine Familie gekümmert, es sei jetzt mal wieder Zeit zu arbeiten. Ich stand bei dem Telefonat gerade in unserem Pop-Up-Store und habe mich gefragt, ob ich alles kurz und klein schlagen soll. Habe ich nicht gemacht. Aber in dem Moment ist alles andere kaputtgegangen und ich habe mich von der Firma abgenabelt.

mm.de: Was hat sich für Sie verändert?

Kerner: Es hat meinen Blick auf Menschen verändert. Und auf das Leben. Ich bin vorsichtiger geworden, insgesamt.

mm.de: Ist eine große eigene Kollektion kein Traum mehr für Sie?

Kerner: Irgendwann will ich da wieder hin, aber das fühlt sich noch ganz weit weg an. Das Gefühl, mir wieder selbst zu gehören, ist viel schöner, als eine Firma mit 30 Angestellten zu haben. Ich arbeite jetzt mit fünf oder sechs Leuten zusammen, eine Managerin, eine Grafikerin, eine PR-Frau, alles Freiberufler wie ich. Ich mache die Arbeit, die ich gut kann: Designen und Ideen haben. Ich würde gerne auch Möbel entwerfen, Sportkollektionen, Schuhe… und irgendwann auf die New York Fashion Week. Das einzige berufliche Ziel, das ich noch nicht erreicht habe. Anfang September gibt es aber schon wieder Mode von mir zu sehen. Die Models, die die neuen Taschen für Samsonite präsentieren, tragen dann Entwürfe von mir - unter dem Namen KxxK. Einfach nur Kilian Kerner darf es ja nicht heißen, der Name ist bis zum 10. August 2020 geschützt. Mein eigener Name gehört mir erst in zwei Jahren wieder. Schon verrückt.

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