08.09.2017  Dresscode vor der Bundestagswahl

Leise Sehnsucht nach dem Brioni-Anzug

Von Andreas Rose

Der Mangel an Charakter und politischer Eindeutigkeit, der amtierenden Politikern gerne vorgeworfen wird, zeigt sich nicht zuletzt an ihrem Äußeren. Kaum einem Repräsentanten der politischen Parteien gelingt es, seine politische Haltung oder Position durch Kleidung oder Accessoires zu kommunizieren. Erstaunlich in einer Zeit, in der zum einen mehr Menschen Wert auf Mode legen denn je, zum anderen, in der sich Politiker bei immer weniger und kaum noch erkennbaren Inhalten immer stärker selbst inszenieren.

Andreas Rose

Fast schon sehnsüchtig erinnert man sich da an Zeiten, als Politiker ihre unübersehbaren Ecken und Kanten mit einem Accessoire zu unterstreichen wussten, das mit ihnen zum Markenzeichen wurde: Der FDP-gelbe Pullover, aus dem Hans-Dietrich Genscher zeitlebens nicht mehr herausfand, die legendäre Strickjacke Helmut Kohls, die heute im Bonner Haus der Geschichte hängt, Joschka Fischers Turnschuhe, die er bei der Vereidigung als erster grüner Landesminister trug - und der rote Schal von Franz Müntefering, der ihm optisch wie eine Fahne vorauseilte und trotz Anzug die Verbundenheit mit der Arbeiterkultur seiner Heimat NRW verkörperte.

Und waren diese Politiker auch keine Mode- oder Stilikonen, so waren sie doch unterscheidbar und verkörperten auch äußerlich, wofür sie standen. In einer späteren Generation versuchteGerhard Schröder, ein modisches Statement zu setzen, als er sich im Brioni-Anzug den Fotografen stellte. In Italien oder Frankreich wäre er damit vermutlich kaum aufgefallen, aber im modischen Entwicklungsland BRD wurde das gute Stück gleich zum Politikum. Der Brioni-Clou brachte Schröder zwar die Anerkennung von Modekritikern, zugleich aber große Entrüstung im eigenen politischen Lager, weil er sich vom Blaumann-Image seiner Arbeiterklientel verabschiedete.

Mode in der Politik ist vor allem in Deutschland eine riskante Gratwanderung. Gleichwohl bietet modisches Stilbewusstsein die Chance, seine politische Botschaft zu unterstreichen. Allein dadurch, dass man an Attraktivität gewinnt. Und Botschaften, die attraktiv verpackt sind, kommen bei den potenziellen Empfängern stets besser an als einfallslos verpackte. Sehen Sie hier die modische Kurzanalyse der Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2017.

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