06.09.2018  Fintech statt Fashion

Ex-Strenesse-Chef Luca Strehle wird Startup-Unternehmer

Von Eva Müller
Kennt sich nicht nur mit Mode aus: Die Rettung des notleidende Fashionlabels Strenesse gelang Luca Strehle nicht. Vier Jahre nach der Insolvenz tritt Strehle wieder öffentlich als Unternehmer auf
obs/ Strenesse
Kennt sich nicht nur mit Mode aus: Die Rettung des notleidende Fashionlabels Strenesse gelang Luca Strehle nicht. Vier Jahre nach der Insolvenz tritt Strehle wieder öffentlich als Unternehmer auf

2014 musste das Fashionlabel Strenesse Insolvenz anmelden. Danach war es ruhig geworden um CEO Luca Strehle. Zwischenzeitlich als selbstständiger M&A-Berater tätig, gründete er vor einem Jahr das Fintech-Unternehmen Levestor. Nun geht die Firma mit einem vollautomatisiertem Devisenhandel für Privatanleger online.

Kopfsteinpflaster, alte Werkshallen, Grafitti auf Backsteinmauern - mehr Startup-Atmosphäre im Berliner Stil als im Schlachthofviertel geht in München nicht. Über einer Trattoria mit rot-weiß-karierten Tischdecken hat sich Luca Strehle (43) mit seiner Gründung Levestor niedergelassen. Vor einem Jahr startete er die Fintech-Firma. Seither hat der ehemalige CEO des Fashionlabels Strenesse unzählige Genehmigungen eingeholt und Auflagen erfüllt, mit einer Expertentruppe an der digitalen Tradingmaschine gefeilt. Jetzt geht er mit vollautomatisiertem Devisenhandel für Einzelanleger an den Markt.

Der studierte Finanzer will damit eine Assetklasse für Privatleute öffnen, die bislang institutionellen Investoren oder Hochvermögenden vorbehalten war. Wer bereit ist, 10.000 Euro zu riskieren, kann die Künstliche Intelligenz (KI) des Levestor-Codes online für sich mit Währungen der G20-Staaten traden lassen.

Die selbstlernende Handelsmaschine treffe auf der Grundlage riesiger Datenmengen selbstständig objektive Kauf- und Verkaufsentscheidungen, erklärt Strehle sein Produkt: "Fehlentscheidungen durch Angst und Gier fallen weg." Verdient werde in Echtzeit an winzigen Veränderungen "in der vierten Stelle hinter dem Komma".

Geld verdienen mit der vierten Stelle hinter dem Komma

Den Algorithmus selbst entwickelte allerdings nicht der einstige Modemann sondern ein Team von Wissenschaftlern, Mathematikern und Tradern um Mitgründer Massimo di Santo (47). Der Devisenbroker, der sein Handwerk noch auf dem Börsenparkett lernte, betreibt seit 16 Jahren in der Schweiz eine Vermögensverwaltung, die für Family Offices manuell mit Devisen handelt.

Mit Levestor tritt der Sohn von Gerd und Gabriele Strehle erstmals seit der Insolvenz von Strenesse 2014 wieder öffentlich als Unternehmer an. Vor vier Jahren hatte der Finanzexperte mit allen Mitteln versucht, das notleidende Label seiner Familie zu erhalten. Doch ein Clubdeal mit Privatinvestoren, der die Marke aus den Fängen der Banken retten sollte, scheiterte an der Refinanzierung durch eine misslungene Mittelstandsanleihe. Die Insolvenz in Eigenverwaltung ging in einem erbitterten Streit mit dem Insolvenzverwalter Michael Pluta daneben.

Nach seinem Abgang bei Strenesse betätigte sich Strehle als selbstständiger M&A-Berater. Der begabte Netzwerker identifizierte für Venture Capital- und Private Equity-Firmen Investitionsobjekte in der Lifestyle- und Digitalbranche. Vier Deals betreut der umtriebige Manager noch zu Ende.

Doch der Neugründer will sich jetzt voll auf den Aufbau von Levestor konzentrieren. Schon Ende 2018 soll das Online-Handelssystem auch institutionellen Investoren zur Verfügung stehen. "Das Interesse ist riesig", sagt Strehle. In den kommenden Jahren will er auch für weitere Anlageklassen wie Aktien oder Rohstoffe vollautomatisierte Handelssysteme einführen: "Wir wollen innerhalb von vier Jahren eine digitale Investmentbank werden."

Levestor soll vier Jahren eine digitale Investmentbank sein

Um neben seinem Knowhow in Sachen Finanzen, Vertrieb und Marketing zum Anlageexperten zu avancieren, beginnt Strehle im Oktober ein zusätzliches Studium. An der TU München lässt er sich in einem Executive-Programm zum zertifizierten Anlageanalysten (CPEA) ausbilden.

Für seine große Leidenschaft Heavy Metal wird der smart in Jeans und schmal geschnittenem Hemd auftretende Gitarrist in Zukunft also wohl kaum noch Zeit haben. Dennoch übt er mit einer neugegründeten Band hin und wieder melodisch-technischen Hardrock. In seinem eigenen Musikstudio im hippen Glockenbachviertel produzierte er zudem kubanischen Rapp und eine Soulsängerin. So ganz kann er einfach nicht von der Musik lassen. Zu gerne erinnert sich Strehle an seine kurze Karriere als Profi-Rockmusiker in Nürnberger Motorradclubs: "Mitte der 90er Jahre spielte ich in einem Käfig um nicht von Bierflaschen getroffen zu werden."

Einst Hardrock-Gitarrist kann Strehle von der Musik nur schwer lassen

Eingesperrt wird Strehle in seinem neuen Arbeitsumfeld zwar nicht. Den größten Teil seiner Tage verbringt er dennoch in den schlichten Räumen in dem quirligen Werkhof. Glücklicherweise tobe seine vierjährige Tochter freudig durch das von der Straße abgeschirmte Industrieareal. Und seine Frau liebe den Cappuccino in der Trattoria. "Das Monti ist zum Stammsitz meiner Familie geworden", erklärt der Italophile, der in London und Mailand studierte. Auch seine Schwester Viktoria wohne um die Ecke und komme oft mit ihren Kindern vorbei. Und selbst Opa Gerd begeistere sich für die frische Küche des Lokals.

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