06.02.2018  Wie die Champagner-Dynastie Roederer ihren Mythos pflegt

Matador mit Masterplan

Von Gabriele Heins, "Der Feinschmecker"
Markus Bassler

Louis Roederer ist ein Unikat in der Champagne: In siebter Generation führt Fréderic Rouzaud das Champagnerhaus, das wie kein anderes zugleich glamourös und bodenständig ist. Einst Favorit der Zaren, heute Vorreiter der Biodynamie - Zeit, dem Mythos einmal auf den Grund zu gehen.

Der Tag, an dem Emmanuel Macron die erste Runde der Präsidentschaftswahlen gewann, war auch ein guter Tag für Frédéric Rouzaud. Am Wahlabend feierte der Sieger in der noblen Pariser Brasserie "La Rotonde" seinen Erfolg, Rouzaud sah die Bilder im Fernsehen - und stutzte: Sieh an, da stand doch eine Flasche Roederer auf dem Tisch!

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Noch ein paar Monate später blitzen seine Augen vor Freude: "Ich werde dem Präsidenten bald einen Brief schreiben und ihm eine Flasche schicken." Frédéric Rouzaud kann sich solche Gesten leisten, schließlich gehört ihm das Champagnerhaus, in siebter Generation steht er an der Spitze, seit 20 Jahren führt er die Geschäfte. Prominente Kunden sind ihm keinewegs fremd: François Mitterrand und Bill Clinton, die Queen und Madonna zählen dazu, und Rapper wie Jay Z machten damit Schlagzeilen, dass sie den edlen Jahrgangs-Champagner Roederer "Cristal" gern mal gegen den Durst tranken.

Überhaupt "Cristal": Er zählt zu den Giganten in der Champagnerwelt, golden schimmernd, teuer, einst Favorit der Zaren. Genießer heben die Augenbrauen, wenn sein Name fällt, er gilt als Mythos und animiert die internationale Weingemeinde immer wieder zu einem kollektiven Kniefall, ja, mancher Experte feierte die 2002er Magnum sogar als besten Jahrgangswein der Welt.

Es gibt also genug Gründe, diesem Mythos einmal auf den Grund zu gehen - vor allem jetzt zum Jahreswechsel, wenn es wirklich darauf ankommt, was im Glas ist. Also haben wir uns mit Frédéric Rouzaud verabredet, treffen ihn im einstigen Wohn- und heutigen Geschäftshaus der Familie in Reims zum Lunch. Verspielter Historismus, Gemälde, Kamine, kostbare Möbel, Familienporträts, dazwischen moderne Kunst. Längst lebt die Familie in Paris, nur wenn es abends allzu spät wird mit Kunden oder Journalisten, übernachtet der Hausherr hier.

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Zum Weingut mit den riesigen Kellern voller Flaschen, Eichenholzfässer und Stahltanks sind es auch zu Fuß nur ein paar Minuten, es steht heute kurioserweise mitten in einem Wohngebiet. "Auf dem Land wäre die Logistik natürlich viel einfacher", sagt Rouzaud, "aber Champagner ist Lifestyle, ein urbanes Getränk, wir wollen in der Mitte der Gesellschaft sein."

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Er selbst zieht das diskrete Leben in der Hauptstadt vor und ist daher gar nicht so traurig, dass der Name Roederer vor zwei Generationen verschwunden ist, als seine Großmutter einen Monsieur Rouzaud heiratete. Aber der Familiensinn ist ungebrochen und reicht weit bis zu den Anfängen im 18. Jahrhundert zurück. Dass Roederer heute so glänzend dasteht, ist nämlich auch den Vorfahren zu verdanken. "Ja, es ist ein außergewöhnliches Erbe", sagt der 50-Jährige leise, "und eine große Verantwortung für mich, es eines Tages noch glänzender weiterzugeben."

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