18.04.2017  Uhrmachergenie Ludwig Oechslin

Radikal einfache Luxusuhren

Von , Splendid
Ochs und Junior

Er kann die kompliziertesten Uhren konstruieren, die es gibt. Will er aber nicht. Er baut lieber radikal einfach. Sein Traum: ein Ewiger Kalender, den sich jeder leisten kann.

Der Mann macht einem fast ein bisschen Angst. Er hat Archäologie, Griechisch, Latein, Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie, Astronomie und theoretische Physik studiert. Er hat promoviert und habilitiert, und nebenbei eine Ausbildung zum Uhrmacher absolviert. Allein sein Titel: Lic. Phil. Hist. Dr. Phil. Nat. PD Uhrmachermeister. Er hat eine Uhr gebaut (die Türler-Uhr in Zürich), zweieinhalb Meter hoch, die die Bewegungen von Mond, Sonne, Erde und Planeten abbildet, mit einer Glaskugel an der Spitze, die das Weltall von außen zeigt und sich in 25 794 Jahren einmal um die eigene Achse dreht. Das Einzige, was ihr gefährlich werden kann, ist der Staub in der Luft, kein mechanischer Fehler, da ist Oechslin sicher.

Er kann sich fünf Ebenen eines epizyklischen Getriebes vorstellen und berechnen, wie viele Umdrehungen jedes Rad in welcher Zeit macht und in welchem Verhältnis dieser Wert zur Umlaufgeschwindigkeit eines anderen stehen muss. Er hat "tonnenweise" (O-Ton) Patente erfunden, mal eben so, bei fast allem, was er anfasst. "Universalgenie", "irre, was der macht", "einer der genialsten Uhrmacher der Welt" - Genie, das Wort fällt immer wieder. Man liest, wie er kompliziert über die Zeit philosophiert. Und dass er schnell unwirsch werden kann und andere auflaufen lässt, wenn ihm etwas zu dumm ist.

Ludwig Oechslin steht da in seinem Laden in Luzern, natogrünes Expeditionshemd mit quietschorangem Tigerkopfaufnäher (ein Überbleibsel aus einem Camp in Nepal, in dem er vor vielen Jahren mal war), Anglerweste, Trekkingsandalen mit Klettverschluss. Groß, massig, mit kurz geschorenen Haaren, aufmerksamen Augen, die Brille mit zarter Goldfassung - und er sagt erst mal gar nichts. Das Reden überlässt er Beat Weinmann, seinem Kompagnon, einem alerten jungen Mann, der eifrig die Firmenphilosophie erklärt, Teilchen und Modelle zeigt und einem auch gleich wieder ins Ohr flüstert, wie "genial" sein Geschäftspartner sei.

Weinmann hat irgendwann einen Blick auf einen Prototyp geworfen, den Oechslin in seiner Werkstatt im Keller zusammengebaut hatte, und gleich erkannt: So etwas gibt es noch nicht, das lässt sich vermarkten. Vor zehn Jahren gründeten die beiden zusammen die Firma Ochs und Junior. Weinmann, man ahnt es, ist zuständig fürs Geschäft. Oechslin für das Erfinden. Verkaufen und Kunden sind nicht seine Sache, das weiß er selbst.

Alles hier ist wie er: sachorientiert, ohne Chichi. Kein Schaufenster mit Uhren auf Samtkissen, kein Security-Mann, der die Tür öffnet, kein dicker Veloursteppich, kein Name in goldenen Lettern, keine Eins-a-Lage. Man geht ein ganzes Stück den Berg hoch, steht dann vor einem Betonkasten. Im Erdgeschoss ein einziger großer Raum mit Linoleumfußboden, vor den bodentiefen Scheiben rauscht der Verkehr vorbei. Rechts ein langer Tisch, hinten links zwei erhöhte Arbeitsplätze für die Uhrmacher. An dem einen arbeitet Oechslin, an dem anderen setzt eine hübsche Dunkelhaarige alle, wirklich alle Ochs und Juniors zusammen. Ein Schreibtisch, ein Sofa, das war's. Einziger Luxus: eine große, verchromte Profi-Espressomaschine. "Nur unvernünftige Sachen sind unterhaltsam", wird er irgendwann sagen, nachdem man eine Weile mit ihm unterwegs war.

Der Laden ist Geschäft, Werkstatt und Firmenzentrale, alles in einem. Die Uhren gibt es nur hier oder über das Internet zu kaufen. Um sie online möglichst realitätsgetreu zeigen zu können, steht abgetrennt hinter einer Wand eine Ecke mit einer Fotostation für hochauflösende Bilder. Die - preisgekrönte - Website wird gemacht von Cail Pearce, Stanford-Absolvent und Ex-Google-Mitarbeiter, der Oechslin und Weinmann während seiner Flitterwochen in der Schweiz kennengelernt hat und so von den beiden und ihrem Projekt angetan war, dass er beschloss zu bleiben. Natürlich weiß er, was zu tun ist, damit die Marke bei allen Suchmaschinen immer weit oben in den Ergebnislisten landet.

Maximal 200 Uhren werden im Jahr hergestellt, mehr ist nicht zu schaffen, aber die Firma ist auch so profitabel. Die Stücke kosten zwischen 6000 und 24.000 Schweizer Franken. Materialien, Farben, Sonderwünsche - alles ist möglich. Neulich wollte ein Kunde aus den USA das Zifferblatt aus einer extrem harten Stahlplatte des Flugzeugträgers "USS Dwight D. Eisenhower". Oechslin verdreht da nur die Augen. Die Kunden: Architekten, Künstler, Politiker, Unternehmer, Leute aus der IT-Branche, Mediziner, alles Menschen mit einem "hohen Maß an geistiger Unabhängigkeit", wie Weinmann sagt.

Radikal einfach - so wie die Firma sind auch Uhren. Vereinfachung, bei dem Wort wird Oechslin munter, der sich ohnehin schon die ganze Zeit Notizen gemacht hat und jetzt in aller Ruhe sein Prinzip erklärt: Je mehr Teile, desto mehr Fehlerquellen. Er häufe nicht für einzelne Funktionen ein Teil auf das andere, sondern versuche, ein Element zu entwickeln, das vieles auf einmal löst. Weniger Teile heiße nicht weglassen, sondern neu erfinden. "Die Gedankenvorarbeit ist enorm."

1 / 3

Mehr zum Thema